gepard14
Schützenstrasse 14
CH-3097 Liebefeld

info@gepard14.ch
 

Michel__Hillbrecht__Schenwebk.jpg

 

 

Niederung


Marietta Schenk (Projektion/Installation)

Nicole Michel (Bild/Objekt/Installation)

Till Hillbrecht (Klanginstallation)




Vernissage: 25. November 2016, 18:00

Einführung durch Adrian Dürrwang


Öffnungszeiten: 26./27. November, 15:00–18:00

Finissage: 27. November, 18:00

 

Einladung als PDF 

 

Nicole Michel, Till Hillbrecht und Marietta Schenk, fügen in einer multimedialen Installation Bild, Objekt, Projektion und Ton zu einer räumlichen Collage zusammen. Das Spiel mit sakralen Anordnungen und das Zusammentreffen der verschieden Medien im Raum steht dabei im Zentrum.

 

Bildergalerie

 

Niederung
Flackerndes Licht von bunten ornamentalen Projektionen, eine geheimnisvolle Soundkulisse, an den Wänden ein opulentes Bildarchiv aus der Presse, so stellt sich die Installation „Niederung“ von Nicole Michel, Till Hillbrecht und Marietta Schenk dar. Die Kunstschaffenden, die sich persönlich schon länger kennen, verstehen ihre Zusammenarbeit im Gepard 14, die multimediale Kombination aus Ton, Bild, Objekt und Projektion, als eigentliche räumliche Collage. Eine bildgewaltige Gesamtinstallation mit Anleihen bei liturgischen Räumen und Kultorten. Der Raum birgt eine Melange, ist manchmal fast barock überladen. Die „Möblierung“ mittels flauschiger Badezimmermatten, die zu Sitzgelegenheiten eines abwesenden Kultes werden, und Duschvorhängen in „fadem“ grün, die zu Raumteilern mutieren, hat eine skurrile Note. Die Kunstschaffenden konzipieren bewusst „sakrale Anordnungen“, spielen mit ihnen und hinterfragen diese kritisch. Dabei verklammern sich die unterschiedlichen künstlerischen Handschriften der Beteiligten. Eine Spannung erwächst aus dieser Kombination des Miteinanders und den dabei zutage tretenden Widersprüchen.


Eine „Sakrale Inszenierung“ definiert Nadine Haepke im gleichnamigen Buch von 2013 auf S. 96 wie folgt: „'Sakrale Inszenierungen' weisen als Erscheinungs- und Illusionsräume sinnbildlich und grundlegend über das hinaus, was sie darstellen und eröffnen eine Plattform zur Selbstfindung, […] Der sakral inszenierte Raum ist materielles Medium und fungiert als Bindeglied zwischen gegenwärtiger (materieller) und abwesender (geistiger) Welt. […] Versprechend wirken sakral inszenierte Räume auch deshalb, weil ihnen zugleich der Schein bzw. die Täuschung inhärent ist, so dass von ihnen – als bewusst arrangierte Komposition – eine unterschwellig manipulative Wirksamkeit ausgeht.“


Zum einen greifen die Kunstschaffenden die kompositorischen Elemente einer solchen Inszenierung gezielt auf:  Nicole Michels fast bis zur Decke reichende Collage an der Wand gegenüber der Fensterfront, wo die ausgeschnittenen Arme und Hände fast einen Strahlenkranz bilden, wird durch eine Projektion als eigentliches „centre piece“ erleuchtet. Es entsteht ein stilisierter „Altar“, der mit den Lichtmustern von Marietta Schenk belebt wird. Die leeren Präsentationskästen beherbergen plötzlich sich bewegende Objekte einer kitschigen Alltagskultur. Schenk kombiniert virtuell Prinzipien, die von Kirchenfenstern inspiriert sind, mit Kultobjekten, die auf Social Media Kanälen durch das „Teilen“ popularisiert wurden. Der „Kult“ ist längst eine Metapher, die vom religiösen Ursprung entkernt wurde, so wie die abstrahierten Ornamente hier im profanen Kontext funktionieren. Auch Till Hillbrechts Geräuschkulisse, aus seinem persönlichen Erleben des Kirchenraums subjektiv entwickelt, verweist nicht direkt auf ihren Ursprung, trägt aber ihren Teil zur „Aufladung“ der „arrangierten Komposition“ bei.
Zum andern verweisen Elemente, assoziativ, auf eine „abwesende“ „Welt“, die durchaus das Potential zum Hinterfragen seiner Selbst birgt: Schencks Kultobjekte können trotz ihrer Ironie beim Betrachter, der Betrachterin einen kurzen Moment des Innehaltens und aufkeimender Konsumkritik auslösen. Michels Bildmaterial, das thematisch von der aktuellen Politik bis zu Objekten paganer Glaubensformen reicht, provoziert mit den rätselhaften Verästelungen Fragen nach der tieferen Bedeutung dieses Kosmos. Abbildungen von „Aktualität“ funktionieren nicht als eingefrorene Geschichte, sondern provozieren immer eigene Interpretationen und befördern so die kritische Lektüre von Ereignissen in der Gegenwart, hier speziell im Zusammenhang mit „Religionen“.
Dass diese Diagnosen nicht der „Selbstfindung“ im „sakralen“ Sinne dienen, liegt am Fehlen eines erlösenden „Versprechens“. Der „Glaube“ an die „Kunst“ ist der Gegenwart abhanden gekommen, und so bleibt ein kritischer Blick auf die „Niederung(en)“, auf die Auswirkungen eines bedingungslosen kritiklosen Glaubens. Dies tut die Ausstellung jedoch nicht mit Verbissenheit, sondern mit dem nötigen Schuss Leichtigkeit, dem Humor, der die einzelnen Elemente dieser Gesamtinstallation zusammenhält.

Adrian Dürrwang