gepard14
Schützenstrasse 14
CH-3097 Liebefeld

info@gepard14.ch
 

Front.jpg
 

Renata Bünter


An manch einem Tag ist der Strich ein anderer


Vernissage: Freitag 2.6.2017 18Uhr

Einführung durch Susanne Schneemann


Öffnungszeiten: Samstag 3.6.und

                Sonntag 4.6.2017 15-18Uhr

               

Renata Bünter ist Bildhauerin, Zeichnerin, Autorin und Videokünstlerin. Den unterschiedlichen Medien gemeinsam ist das zentrale Thema der Erinnerung – immer wieder werden Bilder dazu evoziert, mit den Mitteln der Skulptur, der Sprache, der Fotografie, in Zeichnungen oder Videos. Eng verbunden mit der Erinnerung sind autobiografische Sujets. Bünter schafft Zeit- und Erinnerungsbilder, die manchmal Dokument-Charakter erreichen. Das Flüchtige, Fragile ist typisch für ihre Arbeitsweise. Versatzstücke werden angeboten, Hinweise gelegt, doch vieles bleibt bewusst in der Schwebe.

Im gepard 14 zeigt sie eine Auswahl neuer Arbeiten und es findet die Uraufführung des Videos „Freitag“ statt, die fünfte von sieben Arbeiten der Reihe "sieben Tage", die 2012 begann.

 

 

 

Renata Bünter, "An manch einem Tag ist der Strich ein anderer"

Der weisse Ring im Eingang der Ausstellung ist eingehüllt in Gipsbinden, deren unregelmässige Bruchstellen die Idealform stören. Das schwarze "Schwergewicht" im zweiten Raum entpuppt sich als fliegengewichtige Skulptur, die ihr Gleichgewicht durch ein aufgelegtes Gestänge mit flatternden Plastiktüchern vollends zu verlieren droht. An der Längswand schwebt ein goldener Stab, der in einem vornehmen kardinalsroten Sockel steckt, dessen Prunk sich beim näheren Betrachten als billige Goldfolie und einem rot eingefärbten Stück Schwamm unwiderruflich und vollständig auflöst. Das Video im letzten Raum trägt den Titel "Freitag" und sie haben als Besucher heute das Vergnügen, der Uraufführung beizuwohnen.
Wenn ich sie heute in die kurze, weil nur 2 Tage dauernde Ausstellung einführe, ist es nicht meine Aufgabe, Ihnen das künstlerische Programm Renata Bünters zu erläutern und es liegt mir fern, die Exponate unter einen künstlerischen Nenner zu subsummieren. Was ich ihnen anbieten möchte, ist ein Lektürevorschlag. Und deshalb werde ich zu einem kleinen Exkurs ausholen:
Den goldenen Löwen der Biennale von Venedig gewann 2016 die Ausstellung von Anne Imhof im deutschen Pavillon. Es war eine über fünf Stunden dauernde Performance (ich habe sie über eine Stunde verfolgt) und sie war überzeugend. Eine Gruppe Jugendlicher choreographierte sich, hetzte durch die drei Räume. Sie sprangen von den Gesimsen und sie krochen unter dem eingezogenen Glasboden neben- und übereinander. Aggression lag in der Luft, Fäuste wurden geballt, Opfer gesucht und Täter gefunden. Ringsum verstreut lagen Matten auf dem Boden, Wattebausche und Feuerzeuge waren bereit gelegt, Seifenstücke aufgereiht und ein Feuerwehrschlauch ruhte schlaff in einer Ecke. Im Zwinger vor dem Pavillon heulten schwarze Dobermänner. Es wurde einem als Betrachter mulmig zumute (Kanophobie).
Nun, was hat das alles mit der Ausstellung von Renata zu tun? Mich hat an der Arbeit von Imhof ein Punkt besonders interessiert, der zunächst als eine Art Randnotiz zu bezeichnen wäre, aber dessen Wirkungspotenzial beachtlich ist. Imhof legte diverse Gegenstände aus, die an und für sich wenig beängstigend sind, aber in dem besonderen Zusammenhang der Performance mit dem sprechenden Titel "Faust" fast zu Tode erschreckten. Die Künstlerin gab eine Syntax vor und der Besucher konstruierte sich daraus eine eigene Erzählung. Das Werk begann zu sprechen und das nicht nur in Bildern, sondern interessanterweise in Geschichten, die sich im Kopf abspielten.
"An manch einem Tag ist der Strich ein anderer". Renata Bünter schreibt auf ihrer alten Brother Deluxe 660 TR-Schreibmaschine Satzfragmente, sie baut Skulpturen, die wider die Schwerkraft operieren, sie zeichnet mit schnellem Strich oder in höchster Auflösung Bleistiftpünktchen und formiert damit Räume und Gestalten und sie dreht Experimental-Filme. Bünter bietet dem Betrachter Teile ihres Vokabulars an. Und dieses Vokabular ist weder unmittelbar verständlich noch ist es dazu geeignet, die Werke gleich Bilderrätseln aufzulösen.
Was erzählen die Skulpturen in der Ausstellung? Warum hängt in der Ecke am Fenster eine blaue Plastikschnur? Und was bedeuten die Tierchen oder Gestalten, die direkt auf die Wand gezeichnet sind?  Schon fast dankbar blicke ich auf die blaue Folie in der Telefonzelle vor der Galerie, die mir in dieser Ausstellung so bekannt erscheint. Hier spricht das Werk für mich eindeutig. Ich denke an das Meer, hier antizipiere ich den Satz: "an manch einem Tag ist der Strich ein anderer", natürlich ist damit der Horizont des Meeres gemeint - aber wieso eigentlich ein anderer? Ein Horizont ist doch ein Horizont oder nicht? Oder ist das Meer hier gar nicht gemeint?
Obwohl Renatas Kunstwerke allein durch die verwendeten Materialien und Objekte sehr realitätsnah erscheinen, bedingt durch die Materialtreue - Plastik bleibt Plastik, Schnur bleibt Schnur, Papier bleibt Papier - wohnt den Werken eine Poesie inne, die schwer zu bestimmen ist. Im Film "Freitag", dem vorletzten, eines 7-teiligen Filmprojektes (gefördert durch den Kanton Bern), weht ein grosses Leintuch auf einer Wäscheleine, sorgsam gehütet von einem jungen Mädchen; das gleiche Kind ist im oberen Teil des Filmes ruhend in einem Mehrbettzimmer zu beobachten. Das kalte Licht des Mondes fällt auf das mit weissem Bettzeug bezogene Nachtlager. Die präzise Kameraeinstellung, die Perfektion der Lichtregie, aber auch die gemalte Kulisse, ziehen den Zuschauer in ihren Bann. "But what about the story" hiess es bei den Kollegen aus Renatas Filmteam? Was passiert denn hier, wann passiert denn etwas?
Das Reale wird in neue Zusammenhänge gesetzt. Und mit dem Aufbau oder dem Umbau ergeben sich ganz unterschiedliche Sinnzusammenhänge, so wie ein Satz der durch Inversion einen neuen Sinn oder eine neue Färbung erhält: "An manch einem Tag ist der Strich ein anderer"; "Der Strich ist an manch einem Tag ein anderer"; "Ein anderer ist der Strich an manch einem Tag". Es ist eine Konfrontation zwischen der Sprache der Künstlerin und der Sprache des Betrachters, die Renata Bünter aufbaut, ohne sie harmonisch aufzulösen. Hier ist keine vermittelte Didaktik, die für Verständnis sorgt, um ein Kunsterleben zu garantieren oder schlimmer noch zu optimieren. Und die Künstlerin geht dieses Risiko ein, das Risiko zu Scheitern. Und sie kann doppelt scheitern: Nicht allein am Unverständnis des Betrachters, sondern auch an der Konstruktion der Werke. Das nur Angelehnte kippt, das Gestützte bricht, das Gehängte fällt, dem Film fehlt die story.
Es bleibt der ernsthafte Dialog. Die Künstlerin formuliert mit dem Material, entwirft nie Gesehenes, das Werk richtet sich an den Betrachter, der Betrachter versucht, die Arbeit zu lesen. Unserer Erfahrung stellt Renata Bünter die eigene Erfahrung, unserer Erinnerung stellt sie die eigene gegenüber. Die Künstlerin bietet uns Worte, die wir schon gesprochen, Begriffe, die wir schon gehört, Materialien, die wir schon gesehen und Gegenstände an, die wir schon gefunden haben. Die Diskrepanz sprachlicher Eindeutigkeit und künstlerischer Mehrdeutigkeit bleibt unversöhnlich. Die Enttäuschung aber weicht der Erkenntnis, dass das Bekannte immer noch das Unbekannte impliziert. In dieser Gemengelage wird die Poesie zur Vermittlerin. Sie ist der Mehrwert, der den künstlerischen Dialog auszeichnet. 

Text: Susanne Schneemann

 

Bildergalerie