gepard14
Schützenstrasse 14
CH-3097 Liebefeld

info@gepard14.ch
 

Michaelsreun.jpg

 

Michael Streun

Mal was anderes.

 

Einladung zur Vernissage: Freitag, 9. Januar 2015, ab 18 Uhr

Einführung durch Franziska Streun, Autorin

 

Guests: Simon La Bey begeigt, verdichtet und besingt

        Michael Streun trifft Michael Streun

 

Öffnungszeiten: 10. und 11. Januar 2015, 14 – 18 Uhr

Schützenstrasse 14, Liebefeld / Bern

 

Einladung als PDF

 

Der Kunstmaler Michael Streun arbeitet im Gastatelier gepard14 in Liebefeld. Er unternimmt ein künstlerisches Experiment und verwebt die Fäden der Erinnerung die ihn zu seinen Wurzeln als Maler und Kunstschaffenden führen.
Dabei spielt das Liebefeld eine wichtige Rolle als Ort an dem sich seine gelebte Vergangenheit mit der Gegenwart trifft.

 

«Michael Streun – Mal was anderes.» – Gastaufenthalt im Gepard14 im Liebefeld


Alles begann mit einem Pferdekopf auf einem Blatt Papier. Gezeichnet hat ihn Walo – auch ein Streun und Onkel von Michael Streun. Das Pferd schaute beim Grossvater von der Wand in die Ferne, und der Vierjährige dachte beim Betrachten immer: «So gut wie mein Onkel, möchte ich auch zeichnen können!» Seither zeichnet Streun, und heute ist er ein begnadeter Kunstmaler.

Für den Gastaufenthalt im Gepard14 überlässt er das Konzept seinen Erinnerungen. Streun will, fern von seinem Atelier in Thun, mal was anderes tun: Er will experimentieren. Altes entdecken, Neues wecken. Installativ
arbeiten, und Dinge umsetzen, die er sonst kaum angehen würde – und transformiert dabei und ganz nebenbei die Vergangenheit in die Gegenwart, die wir hier sehen und spüren und die in die Zukunft wirken wird.
In der Vorbereitung notiert er Gedanken und spielt mit Worten. Zum Beispiel: «Ich will ein Liebefeld-Bild werden – vielleicht.» Oder: «52 Strassen. 46,9286 Breite. 7,4189 Länge. 564 MüM. PLZ 3097. 3587 Katzen. 2861 Hunde.»
Auch schreibt er Erlebnisse auf, wie dieses: «Nachdem ich mit dem Dreirad ‚vouhahne’ den Stutz hinunter gefahren war und unter der Eisenbahnbrücke das Vorderrad verloren hatte, worauf ich gott’s jämmerlich auf die Fresse fiel, kam jemand vorbei, hob mich auf, nahm das kaputte Dreirad und sagte: ‹Da fehlt eine Mutter.› Worauf ich jammernd antwortete: ‹Ja, da fehlt die Mutter›; meinend, der Mann rede von meiner leiblichen Mutter.»
Anfang der 80er-Jahre fuhr Michael Streun jeden Wochentag mit seinem Moped vom Weissenbühl durchs Liebefeld zu seinem Lehrmeister, dem Herrn Ambühl. An jene Zeit, in der Streun bei ihm Schriftenmaler lernte, knüpft der Künstler auch seine erste Arbeit für Gepard14 an: Er kreiert in roten Buchstaben – rot wie die Liebe – den Schriftzug Lovefield. Liebesfeld. Liebefeld. Wie früher als Schulbub, als er seinen Hund ausführte, schlendert Streun wieder durch den Steinhölzli-Wald und baut sich jetzt, als 50-Jähriger, sein Baumhaus. Genau das Baumhaus, welches er als Kind in seiner Fantasie dutzendfach gebaut hatte, sich darin versteckt und seine Abenteuer gelebt hatte. Er lässt sogar seinen Vater darin aufleben, der ihn aufgefordert hatte, die Gegend anzuschauen, die der Kleine jedoch damals nicht sehen konnte.
Eben, mal was anderes. Und das tut er: Streun findet in der Brockenstube im Liebefeld einen Damenschuh, auf den er den Schriftzug Lovefield malt. Er, der ansonsten am liebsten in seinem Atelier Leinwände bemalt, wagt es, den Quartiersbäcker Lanz dazu zu ermutigen, Lovefield-Süssigkeiten herzustellen. Und, er komponiert mit der Grundfläche des Liebefelds digitale
Mosaike. Weiter zerstückelt Streun alte Werke in kleine Quadrate und setzt diese – digitalen Pixels ähnlich – zu einem neuen Selbstporträt zusammen. Dazu notiert er: «Das Zerschneiden der alten Bilder ist auch ein Loswerden, Loslassen, eine Erleichterung – und doch entsteht etwas Neues damit.»
Mal was anderes und Dinge tun, die er sonst eher kaum tun würde. Das ist sein Motto – und so lädt Michael Streun seinen Namensvetter zu sich ins Gepard14 ein. Zwei Männer, eine Installation: der Maler Michael Streun trifft den Bestatter Michael Streun. Mal was anderes. Auch fabuliert er einen Tag lang mit seinem Freund, dem Berner Geiger Simon La Bey, über Gedichte, wodurch sich der Musiker zu einem Lovefield-Lied inspirieren lässt.

Mal was anders tun, war ein Teil – mal was anderes malen der andere. Streun, ein Meister der Ölmalerei und des Porträts, malt Fanny aus der Erinnerung; ein Mädchen, in das er sich als Schuljunge verliebt hatte. Er malt seine Mutter Edith, als sie jung war. Er porträtiert Gianna, die Tochter von Lucyenne Hälg und Marco Giacomoni, die heute in einem ähnlichen Alter wie er damals ist. Streun lässt sie dafür den Schriftzug «Love» betrachten, als ob sich die Liebe erst entwickeln und auf dem Feld des Lebens ausbreiten würde. Mal was anderes. Er malt den Zweifel an sich, an seiner Arbeit. Und ein Selbstporträt mit einem clownesken Gesicht. Trägt er eine Maske? Zeigt sie eine bestimmte Facette? Wie ist sie befestigt? Wo beginnt sie und was würde er ohne sie preis- oder freigeben? Für «Mal was anderes.» hat der Kunstmaler Michael Streun zwar mal was anderes getan, und den Kreis von damals zu heute geschlossen. Jetzt sind die Türen für neue Experimente weit offen, und die weissen Leinwände in seinem Atelier warten darauf, weitere Geschichten von ihm erzählen zu dürfen. In seiner Ausstellung im Gepard14 ist allerdings weder einzig sein künstlerisches Können zu erkennen, noch begegnen wir hier einfach nur dem kreativen Ausdruck einiger seiner Erinnerungen oder dem Sichtbaren eines inneren Prozesses.

«Mal was anderes.» lässt fühlen, was Kunst kann und tut: Sie wirkt emotional, löst Fragen aus, erheitert, verbindet, inspiriert, verführt zu eigenen Gedankenreisen, lässt Staunen und regt zum Nachdenken an. Deshalb möchte ich – auch im Namen aller Künstlerinnen und Künstler, die ihrer inneren Bestimmung folgen, sich leiten lassen, auf vieles verzichten und sich dafür einsetzen, die Welt mit den Sinnen zu beflügeln und auf Dinge aufmerksam machen, die dem Verstand verborgen bleiben – den Abschluss der Einführung für «Mal was anderes.» dem Dank widmen: dem Dank an die Kunst. Gerade die aktuelle Situation in Frankreich verdeutlicht einmal mehr, wie wichtig die Freiheit, die Kraft und die Sprache der Kunst sind – jetzt erst recht!

Einführung in die Ausstellung «Mal was anderes.»

durch Franziska Streun, Autorin / 9. Januar 2015

 

Bildergalerie