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Wer hat an der Uhr gedreht?

 

Patrik Marcet

John Wolf Brennan

Patricia Büttiker

Carl Leyel

 

Vernissage am Freitag, 21. September 2018, 18 Uhr
Einführung von Miryam Abebe

18:30 «U[h]rMusik – die andere Zeit»

von John Wolf Brennan

 

 

Öffnungszeiten:
Samstag, 22. September, 15 bis 18 Uhr
Sonntag, 23. September, 15 bis 18 Uhr
Samstag, 29. September, 15 bis 18 Uhr
Sonntag, 30. September, 15 bis 18 Uhr

 


Wer hat an der Uhr gedreht?

Aus dem Nachlass seiner Familie erwarb Patrik Marcet eine umfangreiche Sammlung an Fotografien, Reisedias und Familienalben. Vereinzelt reichen die Bilder bis zu den Anfängen der Fotografie zurück. Alles wurde in Briefumschlägen, Metall- oder Pappschachteln, in grossen und kleinen Alben gesammelt. Es fanden sich Reisepässe, Schriftstücke und einiges mehr, was man damals als aufbewahrungswürdig hielt, um der Familiengeschichte eine Ordnung zu geben.

Um die Bilder und Alben aus dem familiären Rahmen herauszulösen und sie einer allgemeinen Lesart zugänglich zu machen, hat Patrik Marcet drei weitere Kulturschaffende eingeladen, mit dem Archiv zu arbeiten. Durch die Zusammenarbeit entsteht eine künstlerische Transformation, die einen neuen Blick auf das Archiv eröffnet.

 

Mit seiner Arbeit «Untitled (May)» thematisiert Carl Leyel die Beziehungen zwischen Figuration und Abstraktion, aber auch zwischen Fotografie und Malerei. Was zeigt eine Fotografie, was ein Gemälde? Einer Fotografie aus den 70er Jahren stellt er fünf einfarbige Ölbilder gegenüber. Die Bilder nehmen die Stimmung der Fotografie auf und erzeugen einen Farbklang im Raum. 

 

Patricia Büttiker hat aus dem Archiv Fotos aus den 30er und 40er Jahren ausgewählt und sie mit Stichworten versehen. Die Stichworte rufen Erinnerungen wach, die mit wenigen Worten in fragmentarischen Geschichten erzählt werden. Die Arbeit «Kindheit gibt es nur im Singular» verweist darauf, dass individuelle Erinnerungen auch einen kollektiven Charakter haben können. 

 

«Musik ist die Kunstform der Zeit. Ein Ton erklingt und verklingt in einem zeitlichen Rahmen. Vielleicht war er schon immer da, und wir haben ihn einfach überhört? Und vielleicht klingt er tief unter der Oberfläche noch lange weiter, nachdem wir unsere Aufmerksamkeit andern Dingen zugewendet haben? So gesehen, sind Musiker Hersteller von Gegenwart, taktvoll und manchmal auch ganz taktlos. U[h]rmusik aus dem Urmeer der Klänge, die sich mit der Reibungsfläche des Metronoms verdichten zu kaum merklichen Phasenverschiebungen und überraschenden Kontrapunkten zu den ausgestellten Bildern.» (John Wolf Brennan) 

 

Patrik Marcet zeigt eine Auswahl der vielen Diapositive, die sein Onkel als Wissenschaftler auf seinen Reisen durch Südostasien, Afrika, und Amerika vor gut fünfzig Jahren gemacht hat. Als Dendrologe standen oft Bäume, Wälder und Urwälder im Fokus seiner Aufmerksamkeit. Patrik Marcet hat dieses Material in verschiedenen Etappen gesichtet, wobei er sich auch eines Stereomikroskops behalf, um Details und Ausschnitte besser erkennen zu können. So wurde dieses Sichten und Ordnen immer mehr zu einer visuellen Erfahrung, die letztlich zu seiner eigenen Reise wurde.

Texte:

Patrik Marcet

John Wolf Brennan

Patricia Büttiker

Carl Leyel

 

 

Wer hat an der Uhr gedreht?

Aufhänger der dieser Ausstellung ist eine Sammlung von Fotografien, Reisedias und Familienalben aus einem Nachlass von Patrik Marcet. In unzähligen Briefumschlägen, Metall- und Pappschachteln wurden Reisepässe, wissenschaftliche Aufzeichnungen und Fotografien gesammelt. Wissenschaftliche Notizen des Baumforschers Enrique Marcet – der scheinbar unerreichbare Onkel, der es geschafft hat als Forscher die Welt zu bereisen.


Beim Sichten der Bilder wurden Erinnerungen an gemeinsame Familienabende mit Diaprojektionen geweckt. Nicht die Summe der Bilder – viel mehr hat es ein bestimmtes Bild geschafft Erinnerungen zu wecken und die Momente Revue passieren zu lassen. Gleichzeitig kam der Wunsch auf die Sammlung zu öffnen, um neue Sichtweisen zu bekommen, eine Antwort zu finden was mit all den Fotografien und Schriftstücken zu tun ist und die persönliche Betroffenheit aufzubrechen. Einen kleinen Einblick davon gibt diese Ausstellung – Patrik Marcet hat drei befreundete Kunstschaffende Patricia Büttiker, Carl Leyel und John Wolf Brennan eingeladen mit dem Archiv zu arbeiten. Diese Einladung und das Sichtbar-Machen dieses Familienarchivs hat dazu beigetragen, dass Beteiligte andere Projekte ruhen lassen konnten und sich mit anderen Erinnerungen und Bildern auseinander setzen konnten – sich auch zu fragen wer wohl an der Uhr gedreht hat.


Patrik Marcet konzentriert sich auf die Bilder des eigentlichen Grundes der Reisen seines Onkels, der als Dendrologe – Baumforscher Südostasien, Afrika und Amerika – oft in Begleitung seiner Ehefrau Erika – bereiste. Mit Hilfe eines Stereomikroskops konnte er sich ganz auf die Bilder fokussieren und über die Sorgfalt der Aufnahmen staunen. Der tiefe Einblick in die Bildwelt seines Onkels verschafft eine ungeahnte Intimität im Augenblick des Betrachtens. Mit der Art und Weise der installativen Präsentation lässt es die Betrachtenden an ein Blätterdach, an Palmenrinden erinnern und vielleicht sogar an die letzte Reise durch Südostasien, Afrika und Amerika.


Patricia Büttiker hat sich vor allem der alten Familienalben bedient und einzelne Bilder – mit immer den gleichen Familienmitgliedern – ausgewählt und sie mit Stichworten versehen. Daraus ist die Arbeit "Kindheit gibt es nur im Singular" entstanden. Mit wenigen Worten entstehen fragmentarische Geschichten. Das Singular deutet auf individuelle Erinnerungen hin, die auch einen kollektiven Charakter haben können, sei es das Spiel im Wald oder die Reise mit dem Auto durch einen Tunnel. Vielleicht erinnert man sich an die Spielereien im Auto wie man die Langeweile auf lange Fahrten vertrieben hat – man winkt den überholenden oder hinterher fahrenden Autos zu und streckt ihnen die Zunge raus, wenn sie nicht reagieren – vielleicht taucht man zugleich in die Musik ein, die im Auto lief, damit die lange Fahrt ans Meer ertragbar wird oder die Musik der Cantautori in der Lieblingsosteria oder die Flamencorhythmen mitten auf dem Dorfplatz.


Vielleicht sind es auch die Klänge der Chansons, die überall aus den Lautsprechern schallen. Bilder und Worte helfen sich zu erinnern – viel mehr sind es Trigger, die uns Filme vor dem inneren Auge abspielen lassen, uns vielleicht auch den Rhythmus der Zeit, der vergangenen Zeit in die Hüfte, ins Herz zurückbringen. Möglicherweise haben wir die Klänge lange nicht mehr gehört und dennoch bringen sie uns zu Erinnerungen zurück. Manchmal leise und taktvoll, manchmal laut und manchmal auch taktlos. Genau solche Momente, Bilder von Situationen weckt John Wolf Brennan mit seiner U(h)rmusik aus dem Bilder- und Klangmeer. Alle, die wir einmal Musikunterricht hatten kennen es – das Metronom. Vielleicht hat es uns zum Wahnsinn getrieben, weil es immer recht hatte. Reibungsfläche mit ihm gab es genug. Mit seinem steten Tempo verdichtet es kaum merklich die Phasenverschiebungen – weil es mit seinem Takt recht hat – und überrascht mit seinen Kontrapunkten.


Carl Leyel lässt sich von der Stimmung einer Farbfotografie – ein Portal, das in einen friedlichen, stillen und wohl auch menschenleeren Garten führt – inspirieren und nimmt diese in seiner Arbeit auf und thematisiert die Beziehung zwischen Figuration und Abstraktion. Gleiches Format, zwei quer, drei hoch und doch ganz verschieden in ihren Farben – mauve, grün, balu, rosa und grau. Im Gegensatz zur Fotografie stellen sie – eigentlich – nichts dar und doch hat jedes für sich eine leise Sprache und lässt den Betrachter/die Betrachterin eine Stimmung spüren. Berührt mich die Fotografie? Die Farbe eines jeden Bildes? Die Fotografie weckt möglicherweise Erinnerungen an den Garten der Grosseltern, einer Schulfreundin, das Ölbild hingegen regt die Gedanken, die Träume von heute an.

Text: Miryam Abebe