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Schützenstrasse 14
CH-3097 Liebefeld

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Anouk Sebald / Louise Eliot

Auf den Spuren von Hannah Villiger

 

Vernissage: Freitag 29. Januar 2016  18Uhr

Einführung durch Marc Munter, Kunsthistoriker

 

Öffnungszeiten: 30./31. Januar   15- 18Uhr


„Das konstruierte Ich“: ein Diskurs mit dem

Werk von Hannah Villiger (1951 -1997)


Das Werk von Anouk Sebald greift das Selbstbildnis und die Erkundung des eigenen Körpers auf, gleichzeitig dokumentiert sie Momente von Raum und Licht. In dieser Auseinandersetzung bezieht sich Sebald auf das Werk von Hannah Villiger. Villiger war Pionierin einer neuen Betrachtung des weiblichen Körpers, den sie mit der Polaroid-Kamera abbildete.

 

Einladung als PDF

 

 

gepard14 Schützenstrasse 14 3097 Liebefeld bei Bern

Anouk Sebald / Louise Eliot
Auf den Spuren von Hannah Villiger

"Das konstruierte Ich": ein Diskurs mit dem Werk von Hannah Villiger (1951–1997)


Der Ausstellungseinladung folgend, erwarten die Besucherinnen und Besucher beim gepard14 womöglich eine Doppelausstellung der Künstlerinnen Anouk Sebald und Louise Eliot in Auseinandersetzung mit der international bekannten Schweizer Künstlerin Hannah Villiger (*1951, Cham/ZG, † 1997 Auw/AG). In der Tat schuf die Berner Künstlerin Anouk Sebald (*1971 in Bern, lebt und arbeitet in Gümligen/BE) während ihrer mehrmonatigen Ausstellungsvorbereitungen eine Art Doppelausstellung, wobei hinter den beiden Personennamen weniger ein Spiel mit verschiedenen Identitäten steckt, als vielmehr die Verwendung unterschiedlicher Medien – einerseits Fotografie und Video; andererseits Zeichnung und Malerei. Gewiss haben diese mit dem Selbstverständnis und den Inhalten der Künstlerin einiges zu tun: Louise Eliot – ein Fantasiename und gleichzeitig eine Kombination aus den Vornamen zweier ihrer Kinder – ist quasi der übergeordnete Titel der Fotografien. Der Name steht ihnen Pate, als Arbeitstitel wie als Alter Ego beim Schaffensprozess. Bereits für eine frühere Serie machte Anouk Sebald als Louise Eliot – damals noch ihr Pseudonym – Selbstaufnahmen mit einer Polaroidkamera, die sie für eine Ausstellung scannte und vergrösserte. Nach mehreren Versuchen in Digitalfotografie kam sie später wieder darauf zurück: Die für ihre "Selfies" so entscheidende Unmittelbarkeit und die besondere Qualität der Bilder – häufig leicht unscharf und überbelichtet, was die Aura des Flüchtigen und Vergänglichen potenziert – waren letztlich nur mit diesem Kameratyp zu erreichen. Seither fotografiert sie mit einer alten, vergleichsweise schwerfälligen Polaroid Land Camera, die ihr einiges an Anstrengung und Ausdauer abringt. Meist sind mehrere Aufnahmen bis zum gültigen Bild nötig, und die Künstlerin steht sich mit ausgestrecktem Arm und Kamera in der Hand stets selbst Modell. In technischem wie inhaltlichem Sinn versteht sie ihre Fotografie denn auch als eine Form von Malerei. Die Bilder zeigen ausschnitthafte Nahaufnahmen ihres Körpers, ihres Gesichts, teilweise verdeckt, in Kleider gehüllt, oder hinter fallenden Haaren; zudem scheinbar liegengebliebene Kleidungsstücke oder wiederum Teile davon. Durch Ausschnitthaftigkeit, ungewöhnliche Blickwinkel, Unschärfe und spezielle Lichtverhältnisse werden die konkreten Motive nicht selten in die Abstraktion überführt. Diese wiederum verhält sich paradox zur Fotografie als Medium der wirklichkeitsgetreuen Abbildung par excellence.
    Für die eigens entstandene Ausstellungsinszenierung bei gepard14 gruppierte Anouk Sebald an mehreren Stellen die kleinformatigen Originalfotografien zusammen mit Zitaten von Hannah Villiger sowie assoziativen Begriffen, teils zitiert, teils aus dem eigenen Fundus. Aufgesprüht auf abnehmbare Klebefolien ermöglichten diese ein prozesshaftes Vorgehen und stehen leitmotivisch für die jeweiligen Gruppierungen und die künstlerische Gesamtinstallation. Eine erste grössere Gruppe hängt quasi als Auftakt, als vorbereitende Studie zur Ausstellung im Flur. Zwei weitere sind es im Ausstellungsraum: Bei der einen geht die Künstlerin der von Hannah Villiger zitierten schwierigen Nachbarschaft von Einzelbildern nach. Angesichts der schier unlösbaren Aufgabe ("Alle anderen Bilder stören immer") schafft Anouk Sebald gerade ein spannungsreiches Nebeneinander von Körper- und Kleiderbildern, das sich mal zu etwas Grossem, Stofflichem und Erzählerischem zusammenzieht; mal in seine einzelnen intimen Bildfragmente zergliedert erscheint. In der zweiten Gruppe geht sie Villigers Prinzip der Wiederholung an, worin diese ebenfalls ein Mittel zur absoluten Abstraktion sieht, allerdings unter Auslassung von Augen und Geschlecht. Anouk Sebald umgeht das Postulat, indem sie ihr Augenmerk buchstäblich auf die eigene Augenpartie richtet und diese – aus technischen Gründen mit einer Handy-Kamera – ebenfalls aus der Nahperspektive ablichtet.
Die Bilder wirken so zart wie teilweise brutal, der Blick ins aufgerissene Auge schmerzt gar, der friedliche Anblick sanft fallender Wimpern wirkt dagegen friedlich, beinahe einschläfernd. Andere Aufnahmen von der Seite lassen indessen kaum auf die vertraute Körperpartie schliessen und wiederlegen gewissermassen Villigers Credo.
Ganz unter dem Namen Anouk Sebald entstanden die kleinformatigen Zeichnungen sowie Gemälde im Ausstellungsraum und im Flur. Auch hier ging es der Künstlerin um eine möglichst direkte Übersetzung innerer Bilder – Körper, Gesichter, Verhüllungen und Enthüllungen – ohne Vorzeichnung auf die Bildfläche. Daher wählte sie den Zeichenstift respektive die Spraydose in Kombination mit Eitempera, die ein rasches Vorgehen ermöglichten. Allerdings malte sie die Bilder über eine längere Zeit mit mehrfachem Farbauftrag, was sich wiederum mit den wiederholten Versuchsaufnahmen ihrer fotografischen Arbeit vergleichen lässt.
In einer weiteren Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und angeregt von ihrer tänzerischen Ausbildung realisierte Anouk Sebald die Videoarbeit pushback, die passend zum Ort auf die Aussenfenster projiziert wird. Ihr Interesse galt einem Experiment: Den Schritt zu machen von den unbewegten zu den bewegten Bildern, ihren Körper vor der Kamera in Bewegung zu versetzen und ihn dabei einer bestimmten Erfahrung auszusetzen: dem Aufprall gegen eine Wand im Ausstellungsraum, der sie bei der Arbeit ebenso ständig wie beständig umgab.
    In der bilder- wie wortreichen Ausstellung spiegeln sich gleichsam mehrere Parallelen zu Hannah Villiger:
In der Tradition verschiedener Kunstschaffender, die ab den 1960er Jahren ihren Körper als Material und Motiv ausloteten, schuf Villiger in den 1980er und 90er Jahren mit fragmentarischen Aufnahmen ihres Körpers eine eigenwillige fotografische Sprache. Dabei handelte es sich ebenfalls um Vergrösserungen ab Polaroid-Fotografien, und auch Villiger kam – so das Zitat eingangs der Ausstellung – "immer wieder auf die Polariods zurück", aus ähnlichen Beweggründen wie Anouk Sebald. 2002 wurden Sebalds Bilder anlässlich einer Ausstellung von der Kunstkritikerin Sibylle Omlin denn auch prompt mit jenen von Villiger verglichen, allerdings als "beliebig austauschbar", ja geradezu als oberflächlich abgetan. Indes, Anouk Sebald kannte die Arbeiten von Hannah Villiger damals gar nicht und die Kritik kümmerte sie verhältnismässig wenig. Umso mehr gaben die Umstände nun Anlass zu einer intensiven Beschäftigung mit der Thematik, wozu sich das gepard14 als ideal erwies, zumal es sich selbst als "Raum zur künstlerischen Auseinandersetzung und Ort der Begegnung" versteht.
    In mancher Hinsicht handelt es sich um eine philosophisch fragende Herangehensweise "auf den Spuren von Hannah Villiger". So stellen sich für Anouk Sebald zunächst Fragen wie: "Sind meine Arbeiten für mich, für den heutigen Zeitgeist (Stichwort "Selfies") und das Publikum gültig und aussagekräftig?" Verschiedene Begriffe in der Ausstellung stammen aus der Philosophie oder der Analysetechnik und lassen sich auf zentrale Themen der Künstlerin übertragen: "Iteration" etwa fragt nach dem Prinzip der Wiederholung, wodurch mit gleichen oder ähnlichen Handlungen approximativ an ein Ziel herangeführt wird. In der Wiederholung schwingt gleichsam die Frage nach der Referenz zu Hannah Villiger mit, zur Kopie oder gar zum Plagiat ihrer Arbeiten. In der Art ihrer Auseinandersetzung grenzt sich Anouk Sebald jedoch immer wieder von ihrem "Vorbild" ab. Begriffe wie "Grenzfläche" spielen weiter auf das so eng wie weit zu fassende Feld zwischen Bild, BetrachterIn und KünstlerIn an, worin sich gleichermassen Nähe und Distanz, Ähnlichkeit und Verschiebung des Beabsichtigten und Wahrgenommenen offenbaren. "Bottom up" [von unten nach oben] und "Top down" [von oben nach unten] – nach letzterem sind auch mehrere Bilder im Flur und im Ausstellungsraum benannt – bilden die Grundlage für unterschiedliche Analyseverfahren: "Von unten nach oben" verläuft eine sogenannte Induktion, wonach beispielsweise aus einem konkreten Untersuchungsgegenstand eine übergeordnete Regel, eine abstrakte Gesetzmässigkeit hergeleitet wird. Umgekehrt, von oben nach unten, vom Abstrakten zum Konkreten, verhält es sich mit der Deduktion. Die vier Vergrösserungen im Flur, mit Brust-, Kinn- und Kopfpartien der Künstlerin, tragen den Titel Différance, eine vom französischen Philosophen Jacques Derrida für seine Dekonstruktions-Theorie herbeigeführte Wortschöpfung. Vereinfacht formuliert wird damit die Unmöglichkeit der Gleichheit zweier Wesen, Dinge oder Sachverhalte beschrieben, so sehr sie sich auch ähneln mögen. In diesem Sinn spannt sich der Bogen über die Unähnlichkeit des Ähnlichen zwischen Anouk Sebald und Hannah Villiger, mit Blick auf ihre jeweilige Persönlichkeit und ihre Kunst. Weiter spannt er sich als zarter Faden zu uns Betrachtenden, und eröffnet den Wahrnehmungen und Gedanken erneut eine eigenständige Bildwelt.

Text: Marc Munter, Kunsthistoriker Bern

 

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