gepard14
Schützenstrasse 14
CH-3097 Liebefeld

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Fredie Beckmans

 

Waldlust



Vernissage: Freitag 18.August 2017 18Uhr

Einführung durch Dr. Bernadette Walter


Öffnungszeiten: Samstag 19.August 15-18Uhr

                Zwecklose Wanderung ab 15 Uhr

                Sonntag 20.August 15-18Uhr

 

Waldlust

Für viele Künstler ist der Wald ein Ort der Reflexion und Quelle der Inspiration, aber auch ein “sich Fragen nach dem Zweck aller Dinge“. Was passiert mit dem Wanderer, wenn er im Wald wandert, an der Grenze des Wanderns und sich Verirrens. Welche Sinnesorgane öffnen sich, dass man sich selbst nicht verliert. Wie funktioniert eine offene Stelle im Wald? Was geschieht mit uns am Rande des Waldes?
Der Wald droht, er streichelt, er füttert und bietet Schutz. Welcher ist der Platz des Menschen im Walde?
Zum Glück hat der Niederländischer Künstler Fredie Beckmans eine Antwort gefunden. Während er im Walde den singenden Vögel zuhört und sich über die Farbenpracht der Pilze erstaunt, wandert er zwecklos herum. Das zwecklose Wandern begeistert ihn am meisten. Im gepard14 wird Fredie Beckmans im Monat August seine rastlose Begeisterung für den Wald und alles was sich dort tut in eine bunte Mischung von Bildern und Objekten präsentieren und Zwecklose Wanderungen in der näheren Umgebung veranstalten.

 

 

Einladung als PDF

 

Fredie Beckmans – Waldlust, gepard 14, Liebefeld

«Die Poeten, das ist sicher, lieben den Wald, die Maler auch, das ist ebenso sicher, und alle braven Menschen, besonders aber Liebende», Robert Walser


Letzten Samstag traf ich Fredie Beckmans hier in der Galerie, um mit ihm über seine neue Ausstellung zu sprechen: Einiges hing bereits an den Wänden, wie etwa die Vogelhäuschen, die Herbstblätter oder die Feldstecher. Anderes war erst im Entstehen begriffen, wie die Waldzitatbilder. Und dann waren da noch die verschiedenen Koffer im Raum stehend, die ebenfalls Werke enthielten. Es sind Koffer, die der Stadtnomade an seinen vielen Wohnorten jeweils zwischenlagert und beim Wiederkommen hervorholt. Die darin verstauten Arbeiten deutet er um, entwickelt sie weiter oder braucht sie als Träger für neue. Beckmans ist Aktionskünstler, Maler, Fotograf und – über die Sprachgrenzen hinweg – Dichter, womit sein künstlerisches Spektrum umschrieben werden kann – er ist aber auch Geschichtenerfinder, ein Ideen- und Wortsammler, was seine künstlerische Vorgehensweise des stetigen Neuinterpretierens umschreibt.

Wie durch solche Umdeutungen neue Ebenen entstehen können, ist zum Beispiel in der Arbeit mit den 21 farbigen Linden- und Eichenblätter nachzuvollziehen. Fredie Beckmans lebte mehrere Jahre im Atelier Robert in Biel und hat sich dort intensiv mit den Arbeiten der verschiedenen Protagonisten der Bieler Malerfamilie auseinandergesetzt. Neben den Pilzstudien und -aquarellen von Paul-André Robert oder den Vogeldarstellungen von dessen Vater Léo-Paul Robert beschäftige er sich mit Philippe Robert, einem dem Jugendstil verpflichteten Künstler aus derselben Familie. 1909 veröffentlichte Philippe Robert ein Vorlagewerk mit Herbstblättern, das Kunstschaffende und Laien anregen sollte, totes Laub in stilisierter Form als Gestaltungselement für Tapeten oder Keramik zu verwenden. Es ist aber nicht der einzige Bezug, den Beckmans schafft. Der Künstler erzählte mir die Geschichte von Philemon und Baucis aus den Metamorphosen von Ovid: Auf ihrer Wanderung durch ein Dorf war es einzig das alte Ehepaar, das Zeus und seinem Sohn Hermes Unterkunft gewährte. Als Dank für die Gastfreundschaft hatten die beiden einen Wunsch übrig und sie baten die Götter, – noch immer verliebt – gleichzeitig sterben zu dürfen und sich niemals trennen zu müssen. Am Ende ihres Lebens verwandelte sie das Paar in zwei Bäume: Philemon zu einer Eiche und Baucis zu einer Linde.

Philippe Robert und Ovid sind nur zwei mögliche Inspirationsquellen des Künstlers. Mit teils spontaner Bedeutungsaufladung seiner Werke reagiert der Künstler auf gegenwärtige Vorkommnisse. Nach der Lektüre des Artikels in der Zeit «Die Nachmacher. Hundert Jahre nach dem Konzeptkünstler Marcel Duchamp kopieren andere seine Ideen. Daran offenbart sich auch der Burn-out des Kunstmarkts» benennt er die Arbeit kurzerhand um. Dem ursprünglichen Titel «Eiche und Linde » fügt er noch «Im Walde Duchamps» an. Augenzwinkernd schafft er damit einen neuen Bezug und reagiert auf die Mechanismen eines übersättigten Kunstmarktes. Ready-Mades im Geiste Duchamps lassen sich zurzeit gut verkaufen und natürlich würde er gerne von diesem Hype profitieren, meinte er ironisch im Gespräch.

Beckmans bezeichnete sich selbst einmal als einen spätgeborenen Dadaisten. Vielleicht ist er dies am ehesten in seiner Geisteshaltung des ständigen Hinterfragens von tradierten Lesarten. Auch wenn er viele seiner Aktionen «zwecklos» nennt, sind sie alles andere als sinnfrei. Denn mit Nonsens hat seine Kunst mitnichten zu tun. Morgen Samstag bietet Beckmans eine «zwecklose Wanderung» in der Umgebung der Galerie an. Die Feldstecher an der Wand stehen bereit, um die Teilnehmerinnen und Teilnehmer damit auszustatten. Aber das Accessoire aus Karton ist funktionslos und dient einzig als Symbol, um die Naturbegeher zu animieren, ihre eigenen Sinne zu öffnen. Beckmans begleitet diese Wanderungen jeweils gut vorbereitet und rezitiert unterschiedliche philosophische und literarische Texte. Alleine schon das Nichtauffinden der im Titel der Veranstaltung angekündigten Pilze, Vögel oder Pflanzen führt zusammen mit den vorgelesenen Zitaten zu einer anderen Naturwahrnehmung.

Ihn selbst interessiert die Vielfalt der Natur, in der er als Ideensammler unterwegs ist. Auf der zweiten Laubblätter-Arbeit in der Galerie umschreiben Zitate seine Vorgehensweise: Alles wird erfasst und reflektiert – so absurd ein Einfall auf den ersten Blick erscheint, möglicherweise kann er Basis sein für eine künstlerische Umdeutung. Ist ein Thema gefunden, erarbeitet er es fast schon in wissenschaftlicher Akribie. So war es etwa sein Ziel, auf der St. Petersinsel im Bielersee eine Jahrhunderte alte Lücke in der Botanik zu schliessen. Als der französische Aufklärer und Philosoph Jean-Jaques Rousseau 1765 vor seinen Widersachern auf die Insel flüchtete, erfasste er die Pflanzen der Insel, vergass aber die Pilze. Beckmans inventarisierte diese mit dem Fotoapparat und notierte deren Fundorte auf wandfüllenden Zeichnungen. Auch die hier gezeigten Vogelhäuschen entstammen der Idee, ein Kompendium der einheimischen Vögel zu erschaffen. Die Exaktheit durchbricht er jedoch mit poetischem Hintersinn – den auf einzelnen Häuschen versammelt er die ornithologischen Bezeichnungen, die in der Umgangssprache eine andere Bedeutung haben – wie Aasgeier – oder benutzt sie als Basis für neue Schimpfwörter.
Auch hier im gepard 14 kombiniert Beckmans Sprache und Bilder miteinander und schafft durch ihre unerwartete Verbindung neue Sinnzusammenhänge, die auf den ersten Blick irritieren und dann zum Nachdenken animieren. Denn, kann ein Steinadler tatsächlich auch ein Turteltäubchen sein?

Bernadette Walter