gepard14
Schützenstrasse 14
CH-3097 Liebefeld

info@gepard14.ch
 

Lucy.jpg    

MYKOLOGISMUS II

Nino Baumgartner
Marianne Engel
Franziska Ewald
Kathrin Fröhlin
Marco Giacomoni
Filip Haag
Lucyenne Hälg
Huber.Huber
Johanna Huguenin
Bernhard Huwiler
Nicolas Küffer
Karin Lehmann
Renée Magaña
Martin Möll
Ernesto Nicola Nicolai
Andrea Nyffeler Cotting
Christian Pauli
Dino Rigoli
Beatrice Senn-Irlet
Barbara Zoller

 

Samstag 18.Oktober 2014  14 Uhr  “Urban Mushrooms“

Führung durch Liebefeld mit Dr.ès siences Nicolas Küffer,Mykologe

Anschliessend: “Caçadors de bolets“ Filmbeiträge zu Pilzen

Barbetrieb


Freitag 24.Oktober 2014  14 Uhr “PILZE in Könizer Lebensräumen“

“Ein Blick ins Unsichtbare - die mikroskopische Pilzwelt”

Präsentation von Barbara Zoller, Pilzkontrolleurin und

PD Dr. Beatrice Senn-Irlet, Mykologin

Anschliessend: “Caçadors de bolets“ Filmbeiträge zu Pilzen

Barbetrieb

 


Vernissage: Freitag 7.November 2014 18 Uhr

Einführung durch Marc Munter, Kunsthistoriker

Lesung: “Die Unmöglichkeit der Pilze” von Christian Pauli

Huitlachoche: Ein Bericht von Renée Magaña

Konzertperformance: “The Fungi Kingdom”


Samstag 8.November 2014 15-18 Uhr

“Kefir-Pilz?”  

Vermittlungsprojekt von Kathrin Fröhlin


Öffnungszeiten:

Samstag 8. und Sonntag 9. November 14-18 Uhr


Sie und Ihre Pilz-Freunde sind zu den Anlässen herzlich eingeladen!


Einladung als PDF

gepard14  Schützenstrasse 14  3097 Liebefeld bei Bern
Öffnungszeiten: Samstag / Sonntag, 8. / 9. November 2014, 14–18 Uhr


MYKOLOGISMUS II

So mystisch die Welt der Pilze, so einzigartig der "Mykologismus": Im weltweiten, virtuellen Netz taucht er ausschliesslich im Gebiet des gepard14 auf; hauptsächlich in Zusammenhang mit der aktuellen Mykologismus-Ausstellung. Steht Mykologie für die Wissenschaft der Pilze, so lässt sich der Mykologismus wohl am ehesten als künstleri-sches Ansinnen, als Aufspüren, Sammeln und Produzieren mit ausgeprägtem Sinn für die wundersamen Gewächse festmachen. Ferner fügt sich das Projekt augenzwinkernd in den Kreis schillernder "-ismen" rund um Ideologien, Geisteshaltungen und kulturelle Bewegungen wie Optimismus, Anarchismus oder Surrealismus.
Nach Mykologismus – erste Forschungsergebnisse von 2012, mit Marco Giacomoni und Martin Möll, wurde zum Folgeprojekt Mykologismus II eine ganze Reihe pilzaffiner Kunstschaffender zu gepard14 eingeladen. Bereits vor der Eröffnung führte der Mykologe Dr. ès siences Nicolas Küffer durchs pilzreiche Köniz, und die Pilzkontrolleurin Barbara Zoller und die Mykologin PD Dr. Beatrice Senn-Irlet boten Einblick in den Mikrokosmos der Pilzwelt. Filmbeiträge zum Thema rundeten die Veranstaltungen ab.
Weitere Kreise zog der Mykologismus nun in der Ausstellung. Weniger als Gemein-schaftsarbeit, sondern als Schau einzelner Werke der 18 Künstlerinnen und Künstler zum Thema. Pilze bilden ein eigenständiges Reich in der Welt der Biologie und sind bekanntlich nicht nur für den Verzehr von Bedeutung. Als ständige Begleiter prägen sie unseren Alltag – bemerkt oder unbemerkt, materiell wie immateriell, sinnlich, übersinnlich, gut- und bösartig. Das "Rhizom" als zentrales Verbindungsorgan bei Pilzen und Pflanzen haben Gilles Deleuze und Félix Guattari gar als Methaper zur Beschrei-bung weltumspannender Zusammenhänge von Wissen und Leben ins postmoderne Denken eingeführt.
Eingespannt zwischen Shiitake-Pilzen und umwickelt mit schwarzem Isolierband krümmen sich die Bambusstangen von Nino Baumgartner und Karin Lehmann zwischen  Boden und Decke des Ausstellungsraums. Ihre Arbeit Shiitake Balance macht die unterschiedlichen Krafteinwirkungen auf das Material geradezu spürbar. Mit subtiler Ironie stellt der Balance-Akt ferner die symbolischen und heilsamen  "Kräfte" des Bambus und der Shiitake-Pilze auf den Prüfstand.
An anderer Stelle schiessen eine eigentümlich leuchtende Morchel sowie Blätter- und Steinpilze aus dem Boden. Die echt aussehenden Pilze von Marianne Engel sind in Wirklichkeit Abgüsse aus Epoxydharz, wobei der Entstehungsprozess entscheidend ist: Die echten Pilze wurden in Wachs getaucht und danach dem natürlichen Verwesungs-prozess ausgesetzt. Bis in die feinsten Poren frassen sich die Insekten, Würmer und weiteren Organismen durch die Pilze hindurch und legten so die Gussform im Wachs frei. Das Leuchten rührt von Nachleuchtpigmenten her, die dem Harz beigegeben wurden. Die Künstlichkeit und magische Anziehungskraft der Pilze kommen auf diese Weise umso deutlicher zur Geltung.
Ähnlich feine Spuren hinterliessen die Pilze auf den gerahmten Glasplatten Aurora 1 – 3 von Marianne Engel. Wie ein zarter Hauch, ausgelöst durch den Luftzug, verteilten sich ihre Sporen auf den Gläsern.
Franziska Ewald nahm sich für ihre Fotoserie die gestaltete Welt der Pilze vor, die als Metaphern schier omnipräsent sind. Meistens sind es Fliegenpilze, die ganze Wohn-interieurs oder Schaufensterauslagen zieren, daneben Kinderspielzeug wie die Memory-Karten oder die Pilzhäuser, welche auf den Fotografien zu sehen sind. Die niedlichen, mitunter kitschigen Darstellungen sind an sich ein Paradox, angesichts der realen Fliegen-pilze, die im feucht-dunklen Unterholz gedeihen und hoch giftig sind. Andererseits sind Fliegenpilze von eingängiger Schönheit und auch deshalb ein weit verbreitetes Glückssymbol. Schliesslich werden sie gerade wegen ihrer zweifelhaften Substanzen als Rauschmittel verwendet.
Kefir-Pilz? fragt Kathrin Fröhlin in ihrem Vermittlungsprojekt, wofür im Vorfeld mehrere Personen bei sich zuhause einen Kefir angesetzt und sein Wachstum dokumentiert haben. Am Samstagnachmittag werden die Erfahrungen und Geschichten der Beteiligten in der Ausstellung zusammengetragen. Der Kefir wurde jeweils nach Verdoppelung seiner Grösse zur Hälfte an eine nächste Person zum Ansetzen weitergegeben. Folglich ist auf Samstag ein stattlicher Kefir zu erwarten. – Kefir? Die ursprünglich kaukasische Spezialität finden wir längst im hiesigen Ladenregal. Streng genommen handelt es sich nicht um einen Pilz, sondern um das Produkt eines Gärungsprozesses aus Milch und Milchsäurebakterien. Ein Stoffwechselprozess, der ebenso die Pilzwelt wie unseren Organismus zeitlebens prägt.
In den Armen der spätmittelalterlichen Madonna im Rosenhag von Martin Schongauer (um 1473, heute in der Dominikanerkirche zu Colmar) liegt ein pilzgeborenes Misch-wesen. Mit Schalk und Hintersinn übermalte Marco Giacomoni für seine Arbeit Mykologismus die Reproduktion aus einer alten Zeitschrift mit einem bunten Pilzgewächs. Dessen Schirm sprengt förmlich den Rahmen des Marienbildes. Ironie des Schicksals: In Wirklichkeit wurde dem Bild der Altarrahmen nachträglich verpasst, weshalb es nach oben hin  beschnitten werden musste. Seither wirkt die Maria auf dem Bild ohnehin etwas bedrängt. 
Ein weiteres Fantasiewesen des Künstlers, zusammengesetzt aus einer Hundefigur und einem Holzpilz, verharrt mit aufgerissener Schnauze am Boden. Erneut werden Natur und Warenwelt, die mit  allerlei Pilzen und Tieren "bestückt" sind, aufs Korn genommen. In den entgegengesetzten Welten anerbieten sich die phantastischen, sinnlichen und humorvoll kritischen Kunstwerke geradezu als willkommene Alternativen.
Etliche Sporen gehen immer verloren heisst die Versuchsanordnung von Filip Haag: Denn nur ein Teil der von ihm gefertigten Zinnsporen fiel beim  Streuen durch das enge Loch ins Innere des Trichters. Die anderen haben sich schwarmartig darum herum verteilt. Der Trichter, der in seiner Form einem umgedrehten Pilz ähnelt, wird zum Sinnbild von Ein- und Ausschluss und trennt scheinbar "die Spreu vom Weizen". In Anbetracht der Sporen, die im Trichter eingeschlossenen sind, stellt sich allerdings die Frage, welche Sporen nun tatsächlich die "verlorenen" sind.
Wie ein teppichartiges Ornament breiten sich die aufgesteckten Pilze von Lucienne Hälg über einer blinden Tür zwischen Ausstellungsraum und angrenzender Physio-therapie-Praxis aus. Der arabische Titel Habibi ("mein Geliebter") weckt Assoziationen zu ornamentalen Orientteppichen. Er benennt aber auch das ausdauernde Sammeln und Anbringen der Pilze, wofür die Künstlerin einiges an Zuwendung und Geduld aufbringen musste. Die verschlossene Tür steht sinnbildlich für die geheimnisumwobenen Pilze und unser Verlangen, die Rätsel dahinter zu lüften.
Das Künstlerduo huber.huber (Reto und Markus Huber) verwendete für seine Foto-plakate mit Totentrompeten ein spezielles Druckverfahren. Dadurch erreichten sie ein ausgesprochen dunkeltoniges Schwarzweiss, das die markante Ästhetik und gleichzeitig morbide Namensgebung des Pilzes unterstreicht. Indessen bringen die delikaten Pilze weniger den Tod, als vielmehr köstliche Gaumenfreuden. Andererseits wird das "Kostbare" und ästhetisch Schöne stets von den Schatten der Vergänglichkeit begleitet. 
Für ihre organisch wirkenden Objekte liess sich Johanna Huguenin von Pilzen inspi-rieren, die Körperkrankheiten hervorrufen wie beispielsweise der Hautpilz, der Nagelpilz oder der Fusspilz. Abgesehen von ihrer Grösse ähneln sie in der Form und mit ihren röhrenartigen Verbindungen auf frappante Weise den Pilzen wie wir sie in der Natur vorfinden.
Bernhard Huwiler begleitete Martin Möll auf Streifzügen durch pilzreiche Gebiete und hielt unter anderem das abschliessende Rüsten der Pilze als filmisches Tafelbild mit fixer Kameraposition fest. Im Videoloop füllen sich nach und nach die Siebe zum Trocknen der Pilze; die Hände sind geschäftig, um am Ende doch wieder einen leeren Tisch zu hinterlassen.
Während ihres Aufenthalts in Mexiko ging Renée Magaña dem Maisbeulenbrand nach, einem Pilz der dort als Delikatesse gilt und in der essbaren Wachstumsphase als "Huitlachoche" bezeichnet wird. In ihrem gleichnamigen Beitrag an der Vernissage berichtet die Künstlerin über den Pilz und seinen sonderbaren Status. Hierzulande gilt er ebenfalls als geniessbar, anderswo, beispielsweise in Deutschland, wird er dagegen als ungeniessbar eingestuft und vom Verzehr wird abgeraten.
Als Sänger der vierköpfigen Band The Fungi Kingdom verfasste Martin Möll zwei Songtexte zu Pilzen – Mushroom Man und The Ballad of the Dotted Stem Bolete. An der Vernissage werden sie von ihm und den drei Musikern Nicolas Bangerter, Markus Gneupel und Gregor Gilg in einer Mischung zwischen Punkrock und Country zum Besten gegeben. In der Arbeit Meine erprobten guten Pilzplätze eliminierte der Künstler seine bevorzugten Sammelplätze von der Landkarte. Wo einst ihre Koordinaten vermerkt waren, klafft nun ein rechteckiges Loch. Wie die Pilze, so hütet auch der kundige Sammler seine Geheimnisse. Zudem wird sich Martin Möll am Sonntag im Rahmen einer Performance bei gepard14 eine Totentrompete auf den Hals tätowieren lassen.
Die Eierschwämme von Ernesto Nicola Nicolai muten zunächst wie Eingemachtes aus der hauseigenen Küche an. Doch der Schein trügt: Der Künstler schnitt Kunststoffschwämme zu Eiformen und füllte diese zusammen mit Wasser in die Gläser ab. Weder sind es tatsächliche Eierschwämme noch Schwämme aus einem Gewässer, sondern reine Kunstprodukte. Das Wortspiel nimmt den Rang von Kunst und Essbarem auf die Schippe. Vorgänge des Sammelns und Konservierens werden humorvoll in Frage gestellt. Schliesslich sind es gerade Pilze, welche der Kunst äussert gefährlich werden können.
Ähnlich wie Franziska Ewald interessiert sich Andrea Nyffeler Cotting für das ambi-valente Motiv der Fliegenpilze. In ihren Kreisbildern und dem Tuschebild persifliert sie die harmlose, ästhetische Kinderbilderwelt, die uns bisweilen das Fürchten lehrt. Rund um ihre bunten Pilze herrscht das Dunkel; stellenweise flackern mystische Lichter auf und Nachtfalter mit Totenkopf-Zeichnung schwirren durch die Lüfte.
In seinem Text Elf Sätze über die Unmöglichkeit der Pilze hält Christian Pauli Erinnerungen über unglückliche Umstände des Sammelns und Konsumierens von Pilzen fest. Sei es, dass sich die gesammelten Pilze als ungeniessbar erwiesen; sei es, dass er sich bei seinen Vorhaben rund um Pilze selbst im Wege stand. Einmal mehr zeigt sich die Welt der Pilze voller Geheimnisse – und Hindernisse, die unsereins bisweilen ein Bein stellen.
Im Video Ein Männlein steht im Walde von Dino Rigoli gibt das gleichnamige Kinderlied den Ton an. Mehrere Pilze ploppen aus dem Boden und penetrieren sich zusehends. In Anspielung auf das Männlein im Walde mit seinem "purpurrotem Mäntelelein" überlässt Dino Rigoli die Pilze ihrem bunten Treiben. Der Videoloop entstand mithilfe einer Applikation für I-pads, und via QR-Code steht der Film mit den feucht fröhlichen Pilzen auch zum Download zur Verfügung – im weltweiten Netz.
Marc Munter, Kunsthistoriker, Bern

 

Artikel im Bund vom 6.11.2014

 

Bildergalerie


Elf Sätze über die Unmöglichkeit der Pilze

Von Christian Pauli


1
Zwischen den Strassen und Höfen wechseln sich grüne Matten und braune Äcker. Darauf stehen vereinzelte Bäume, Gräser, Büsche, Kühe, Schafe, Ziegen, Rehe, Füchse, Gemsen, Würmer, Schnecken. In der lauen Luft fliegen letzte Bienen, am Fenster kleben Fliegen, vor dem nahenden Winter flüchten Zugvögel, stoisch ihre Runde ziehen Milane. Es ist Mitte Oktober. Es war ein ausgesprochen gutes Pilzjahr, und vermutlich sind sie da draussen immer noch in Massen.

Mein Interesse am und Unwissen über Pilze hat hier oben im Eichacher seine eigenen Geschichten geschrieben. Die erste Ladung, die wir vermutlich vor zwanzig Jahren bei einem Spaziergang sammelten, brachten wir zum Prüfer nach Mamishaus.

2
Ungeniessbar bis tödlich.

3
Später machte mich eine Nachbarin auf einen Schwefelporling in unserem Garten aufmerksam, der prächtig wuchs an einem Birnenbaum. Schwefelporling sei eine Delikatesse, beschied sie, zu kochen und zu essen wie Hühnerfleisch. Sie nehme auch eine Portion davon, die sie gleich zu braten gedenke, dort unten in ihrem Stöckli auf dem Boden. Gerne teilte ich mit ihr. Die Schenkung gab mir eine gewisse Zuversicht, das anstehende Mahl ohne Risiko zu überstehen. Wir brieten die Porling-Stücke. Eigenartig fleischig im Biss, etwas exotisch, im Geschmack aber durchaus an Huhn erinnernd.

4
Geniessbar.

5
Den Weg von Hinterfultigen zur Schwarzwasserbrücke habe ich vermutlich schon über hundert Mal begangen. Die lange Senke bis hin zum Graben, in dem der Bütschelbach sich in das Schwarzwasser ergiesst, ist für mich jeweils wie eine endlose Metamorphose. Die immer gleiche Landschaft ist immer wieder neu, anders. Oder ist es in mir drin, anders, immer neu? Auf halbem Weg, wie zum Gruss, im Herbst, immer am gleichen Ort, die Krause Glucke. Sie steht dort ein paar Tage – oder sind's Wochen? –, bevor sie verfault und im Boden versinkt.

Immer wieder trägt es mich zur Steiglen, diesem Weiler hoch über der Steiglenau am Schwarzwasser. Etwas weiter unten, kurz bevor der Weg in den steilen Wald zum Fluss hinunter einbiegt, liegt dieses Feld, meist von Schafen bevölkert, leicht moosig und oft mit Pilzen bestückt. Ich umkreise die meist schon verfaulten, von Schnecken angeknabberten Stücke. Sie bleiben mir fremd, auf Distanz, ich getraue mich nicht, sie zu pflücken.
6
Verfault.

7
Auf dem Rückweg dann eines der raren, regelmässigen Erfolgserlebnisse, die in der Pfanne ihre Fortsetzung finden: Ziegenlippe.

Vor einiger Zeit brachte ich einen flüchtig Bekannten dorthin, zu den Wäldern bei der Steiglen. Wir pflückten Maronenröhrlinge, ein paar Reizker, einen Steinpilz und ein paar Dinger, die ich vergessen habe. Weiter links, in einem anderen Waldabschnitt über dem Schwarzwasser, zeigte mir der Bekannte, der der mykologischen Sammelsucht anheim gefallen ist, ein ganzes Feld von Totentrompeten. Ich hätte sie nicht bemerkt.

Letztes Jahr führte uns Martin Möll in den Gurnigel – ein Ausflug, dem abends eine veritable Pilzpfanne folgte.

8
Genuss.

9
Heuer aber nicht. Keine Pilze gegessen. Keinen einzigen. Am Weg zur Chrummfadeflue im Gantrischgebiet stiess ich auf einen veritablen Pilzring. Alleine, im seichten, von der Wasserscheide aufsteigenden Nebel blieb ich stehen. Der Anblick war überwältigend. Ich kannte die Pilze nicht. Kein Mensch, weit und breit. Diese Pilze waren eine Erscheinung, ganz für mich allein. Eine Erscheinung, die mir fast den Atem nahm.

Weder Tier noch Pflanze. Ein Hybrid, der uns aus der Unterwelt grüsst. Pforten zwischen der inneren und äusseren Welt. Sie scheinen dem Inneren, dem Verborgenen, dem Untergründigen meist näher als dem Äusseren, dem sie sich nur kurzzeitig öffnen.

10
Nicht von dieser Welt.

11
Es ist nur folgerichtig, dass wir Pilze verspeisen, und sie damit wieder verinnerlichen.

«Sie sind überall!!!», antwortete Martin Möll neulich, als ich ihm ein Bild von einem Pilz schickte, der an der Fellerstrasse, dem Standort der Hochschule der Künste Bern, aus dem Rasen platzte. Es klang ein bisschen verzweifelt. Ich meine, das sehr gut verstanden zu haben. Das Unfassbare, das Pilzen eigen ist, kann auch zur Bedrängung werden. Womöglich begreife ich das alles überhaupt nicht. Ich kann nur sagen, dass in diesem Jahr Pilze für mich keine Möglichkeit waren. Sie gehören zu einer Welt, die mir ungeheuerlich vorkommt.

 

 

"Ein Männlein steht im Walde..." 2014

Animationsfilm  von  Dino Rigoli

Link: https://www.facebook.com/rigolidino

 

 



BILD1.jpg 

 

L'incontro/die Begegnung

 

Begegnungen hinterlassen Spuren.

Die Einfachheit des Alltäglichen ist Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung.


Ernesto Nicola Nicolai

Alessandro Antonucci

Marco Giacomoni

Martin Möll

 

Während der flüchtigen Begegnung mit dem Publikum

wird dieses in die Aktion involviert.

Die Spuren dieser Begegnung sind das visuelle Resultat!

 

Begegnungen: 12.-14.September 2014, 14 Uhr - 19 Uhr

 

Finissage:  14.September 2014, ab 14.°° Uhr

Musikalische Improvisation zu den Spuren:

Anna Röser & Giancarlo Nicolai

 

Projekt: Ernesto Nicola Nicolai

Einladung als PDF

 

Bildergalerie

 

Alessandro Antonucci:

Video zu L'Incontro/die Begegnung

http://www.alessandroantonucci.eu/performance.html


IMG_9425_1.jpg

 

Maru Rieben

Farbdrumstix

Vernissage: Freitag 29. August 2014  18 Uhr
Einführung durch Marc Munter, Kunsthistoriker

Öffnungszeiten:  30. und 31. August 2014, 14–18 Uhr

 

Maru Rieben bewegt sich zwischen den Stilen und Medien. Sie studierte Schlagzeug und bildete sich später in Medienkunst weiter. Geschichten für Ohren UND Augen sind ihr Thema, je nach Kontext sind es Komposition, Performance oder Installation.
Im gepard14 experimentiert sie, wie sich Bewegung, Rhythmus und Farbe verbinden.
„Wenn ich einen Hund wedeln sehe, stelle ich mir die Bilder vor, die er mit seinem Schwanz malen würde.“

 

 

 

Einladung zur Aktion "Auftakt – Abgang"

Wir laden dich zu einer Gruppenperformance im gepard14 ein:

Donnerstag 31. Juli 2014 um 18 Uhr.

 

Dauer ca. eine Viertelstunde (kein Einlass während der Aktion),

der Eintritt ist frei und danach gibt’s Bar.

Herzliche Grüsse

Eva Fuhrer und Maru Rieben

 

 

 Maru Rieben

"Farbdrumstix"

Zunächst begegnen wir den bunten Farbspritzern von Maru Rieben (*1963 in Bern, lebt und arbeitet in Bern) auf einem Papierbogen und auf Rundbildern im Flur bei gepard14: Aufgehängt an den Wänden und eingespannt in zwei Schlagzeugtrommeln verschaffen sie uns eine Vorahnung auf ihre besondere Machart: auf das Zusammenspiel von rhythmischem Trommeln und Aufspritzen von Farbe. Überdies handelt es sich bei den runden Malgründen nicht etwa um klassische Leinwände oder beliebige, runde Deckel, sondern um Trommelfelle für Schlagzeuge aus Plastik, die für die Bemalung speziell grundiert werden mussten.

Im Galerieraum werden wir vollständig von den Farbspritzern umgeben: Bänderartig, neben- und über-einander, vertikal, teils schräg oder kurvig breiten sie sich auf einer Plastikfolie entlang der Wände und der Decke aus und erzeugen eine beeindruckende Raumstimmung. Die Folie ist hauchdünn, so dass der Untergrund wie bei einem Vlies oder lichtdurchlässigen Vorhang durchscheint. Zusammen mit den Farb-spuren entsteht eine flirrende Tiefenwirkung, welche den Charakter der rhythmisch bewegten Malerei umso deutlicher zur Geltung bringt. Stellenweise wird die Folie von der Farbe leicht zusammengezogen und gewellt, so dass die Dreidimensionalität der im Grunde genommen flächigen Malerei zusätzlich betont wird. Weiter wird der Raum "untermalt" von einem subtilen Sound: einer Komposition Maru Riebens aus den verschiedenen Geräuschen während ihrer Arbeit bei gepard14. So hören wir nebst Trommelschlägen auch das Rascheln der Plastikfolie oder das Aufspritzen der Farbe – die hör- und sichtbaren Spuren verbinden sich zu einem wahrlich stimmungsvollen Raumkunstwerk.

Mit ihrem Projekt Farbdrumstix erfüllte sich Maru Rieben eine Art Kindheitstraum, denn schon lange faszinierte sie die Idee, mit Trommelschlägen Farbe an eine Wand zu spritzen; zu sehen, welche Formen der rhythmische Farbauftrag raumfüllend auf grosser Fläche annimmt. Für das Herantasten an die Ver-bindung von Bewegung, Rhythmus und Farbe waren die Voraussetzungen bei gepard14 – über längere Zeit mehr oder weniger frei in einem Raum arbeiten zu können – ideal. Als ausgebildete Schlagzeugerin und Medienkünstlerin ist Maru Rieben besonders an Verbindungen zwischen verschiedenen künstleri-schen Techniken interessiert, arbeitet hauptsächlich multimedial und kooperiert oft mit Künstlerinnen und Künstlern unterschiedlicher Ausrichtungen. Schon 2012 machte sie in einer Gruppenausstellung in Bern eine Reihe von Trommelbildern, wobei sie mit diversen Schlaginstrumenten in der Länge eines Popsongs Farbe auf Leinwände trommelte. Für "Farbdrumstix" entwickelte sie diese Technik weiter: Sie schnitt sich handliche Plastikrohre zurecht, füllte sie mit eigens hergestellter Kleisterfarbe und stöpselte sie mit Schutzkappen zu. Beim Trommeln spritzte die Farbe durch jeweils eine kleine Öffnung in der Schutzkappe auf den Malgrund. Farbigkeit und Form der teils linienartigen, teils flächig verteilten Farb-spritzer ergaben sich ganz aus den schwungvollen, rhythmischen Trommelbewegungen. Eine besondere Vorliebe hat Maru Rieben allerdings für Hellgrün: Immer wieder taucht ein spezielles Atlasgrün auf, das sie mit einem Pigment aus Marokko herstellte. Weiter dominieren Rotbraun, Gelb und Ockertöne, haupt-sächlich aus einer ersten Phase des Projekts. Ab dem zweiten Monat verwendete sie vorwiegend Blau-töne, teilweise auch Blaugrün. So entstanden weitgehend abstrakte Bildwelten, wobei die Farbgeflechte hie und da den Eindruck von fabelhaften Wesen, von Landschaften oder Blumenteppichen erwecken.

Angesichts dieser Malerei aus raschen Bewegungen erinnern wir uns vielleicht an Vorbilder der Aktions-malerei ab den 1950er Jahren: an Vertreter des amerikanischen "Action Painting", des europäischen "Tachismus" oder der japanischen "Gutai-Gruppe". Maler wie Jackson Pollock (USA) Kazuo Shiraga (JP) oder Georges Mathieu (F) brachten mit ausladenden, performativen Körperbewegungen Farbe auf die Leinwand und revolutionierten damit die Malerei. Maru Rieben nennt als mögliche Anregung zu Farb-drumstix die japanische Trommelkunst "Wadaiko", die sie selbst vor Ort erlernte. Hier steht ebenfalls die Bewegung im Zentrum, wobei sowohl die hörbaren Schläge als auch die Sequenzen dazwischen eine wichtige Rolle spielen. Es ist bezeichnend, wie vor diesem Hintergrund Bewegung, Körper, Musik und Bildende Kunst bei Maru Rieben einmal mehr aufeinandertreffen. Gleichzeitig besticht ihre Trommel-malerei gerade durch die eigenständige Übersetzung von Rhythmus und Bewegung in die Malerei; durch diese so findige und treffende Idee, Farbe aus Drumsticks aufzuspritzen, welche das Hörbare und Nicht-Hörbare sichtlich erfahrbar machen.

Marc Munter, Kunsthistoriker, Bern

Bildergalerie

Dokumentation auf der Webseite von Maru Rieben

 



Lukas_Veraguth.jpg

 

 

Lukas Veraguth

 

Neon

Vernissage:   Freitag, 6. Juni 2014, 18 Uhr

Einführung durch Marc Munter, Kunsthistoriker


Öffnungszeiten:  7. und 8. Juni 2014, 13-18 Uhr

 

Lukas Veraguth dienen als Ausgangslage seiner Werke Fundgegenstände und Materialien aus dem Alltag. Oft realisiert er seine Werke direkt in bestehenden Raumsituationen und nutzt die vorhandenen Raumeigenheiten als Inspirationsquelle seiner Arbeiten. Durch ortsbezogene Rauminterventionen verleiht er bestehenden räumlichen Situationen eine neue Lesbarkeit.

Bildergalerie 

Interview mit Lukas Veraguth im Journal B

Interview mit Lukas Veraguth in der Kulturagenda

 

flyer_e_mail1_copy.jpg

 

Ausstellungsflyer PDF

 

Lukas Veraguth
"Neon"


Als wäre beim Betrachten seiner Kunst besondere Vorsicht geboten, gelangen wir in der Ausstellung Neon von Lukas Veraguth (*1985, geboren in Burgdorf, lebt und arbeitet in Bern) zunächst zu einer Installation aus Lamellen in weisser und fluoreszierend oranger Warnfarbe (14‘520, 2014). Unver-mittelt denken wir an eine Abschrankung, an einen Ort, der im Grunde genommen nicht betreten werden darf. In der Tat ist Achtsamkeit angesagt: Die Installation, deren Ästhetik an Werke der geometrisch-konkreten Kunst oder der Minimal Art erinnern mag, sorgt für einige Verwirrung. Die Metallstäbe hängen eigentlich verkehrt herum, und die Absperrung wird zum Vorhang, der die Ecke des Flurs zur Kurve macht. Letztlich werden wir zwar nicht "dahinter", aber weiter in den Galerieraum geleitet. Analog zu diesem Spiel mit der Wahrnehmung tauchten die farbigen Lamellen schon einmal bei einem Kunstraum auf: Bei der CabaneB in Bümpliz (2013) spannte sie der Künstler aussen vom Dach zum Boden, so als würden sie gleichzeitig die Gebäudehülle markieren und stabilisieren oder gar profilieren für einen Anbau. Die Arbeiten sind beispielhaft für die subtilen Irritationen und neuen Sichtweisen auf scheinbar Vertrautes, die Lukas Veraguths künstlerisches Vorgehen ausmachen.

Weiter empfängt uns in grünes und violettes Neonlicht getaucht der Galerieraum (14‘521, 2014). Ungewöhnlich, unbehaglich gar, wirkt die bunte, jedoch künstlich kühle Beleuchtung. Vom Boden steigt sie die Wände hoch zur Decke, wo ihre Strahlung vom Behang aus Rettungs-Schutzdecken in den Raum und auf die Betrachter zurückgeworfen wird. Angesichts des Neonlichts werden wir des Ausstellungs-titels gewahr und von der der kunterbunten, festlichen Stimmung angezogen und gleichzeitig abge-stossen, zumal sie uns in bizarren Farben anlaufen lässt. Ähnliches geschieht an der Fensterfront, die ganzflächig mit der Folie zugedeckt ist und die Beleuchtung wiederum in den Raum reflektiert. Je nach Betrachtung und Lichteinfall von aussen erinnert das Setting an ein klinisch technisches Labor oder aber an einen etwas ergrauten Vorhang aus der bürgerlichen Wohnstube. Wuchtig wie ein Raumteiler er-scheint dagegen der Trägerbalken entlang der Raummitte, betont durch die schwarz-weisse Bemalung. Mit derselben Markierung tritt die "blinde" Tür an der einen Wand hervor, die den Besuchern zuvor vielleicht gar nie als solche aufgefallen ist, lösen sich ihre Konturen in der Regel doch im klassischen Weiss des Ausstellungsraums auf. Schliesslich mutieren im grünen und violetten Licht die Heizkörper zu Skulpturen, deren Formen aus dicken Rohren auf einmal sonderbar wirken.

Einmal mehr lenkt Lukas Veraguth das Augenmerk auf scheinbar Unscheinbares, hebt hervor, was un-serer Wahrnehmung bisweilen entgeht und taucht es in ein neues Licht. Buchstäblich schafft er mittels Lichtgestaltung – "Lichtmalerei" wie er sie selber nennt – und einiger, gezielter Eingriffe eine ambi-valente Raumatmosphäre, wodurch er in einer vorgefundenen Situation neue Akzente setzt und dem Innen und Aussen zu ungeahnten Durchdringungen verhilft.


So leuchtet auch die Telefonzelle draussen im Neonlicht auf (14‘522, 2014), und bei näherer Betrach-tung fällt auf, dass die zusammengezurrten Glasbausteine in der Zelle in Wirklichkeit aus Acrylglas sind. Erneut werden wir mit einer Täuschung zwischen Realität und Künstlichkeit konfrontiert, einer Art Trompe l'oeil des Alltags.

Lukas Veraguth geht stets von Wahrnehmungen im Alltag aus, vornehmlich von Gegenständen, Markie-rungen und anderweitigen Erscheinungen mit einer funktionalen Ästhetik. Er begegnet ihnen durch Zufall und hält sie bisweilen fotografisch fest oder sammelt sie als Objekte in seinem Atelier, um sie zu einem späteren Zeitpunkt, situativ an einem Ausstellungsort einzusetzen. Gestaltungen also, die in Wirklich-keit nicht dem Künstlerischen, sondern einem bestimmten Zweck geschuldet sind. Doch gerade daraus geht eine besondere Ästhetik hervor, die signalisiert und auffällig ist. Mitunter bleibt ihr Sinn für Unbe-teiligte verborgen, wie beispielsweise bei der Bodenmarkierung "L – 1.0" auf der Fotografie 14‘440 (2011-2014). Beschrieb der Kunsthistoriker Benjamin Buchloh den Charakter der Konzeptkunst ab den 1960er Jahren noch als "Ästhetik der Administration", so lässt sich bei Lukas Veraguths konzeptuellen Rauminterventionen eine besondere Ästhetik der Funktion ausmachen: Er befreit die funktionalen Gestal-tungen von ihrem ursprünglichen Zweck, überführt sie aber in eine neue "Funktion" der Aufmerksam-keit und Irritation künstlerischer Gestaltungen.

Marc Munter, Kunsthistoriker, Bern

 


 

 

Degler.jpg

 

 

 

JAKUB DEGLER

 

"Playground Memories"

Eine visuelle Auseinandersetzung in diversen Techniken

 

 

Vernissage :    Freitag 11.April 2014  18 Uhr

Öffnungszeiten: Samstag 12. April 13-18 Uhr

                Sonntag 13. April 13-18 Uhr

 

 


Geometrischen Formen und Architekturen begegnen wir im Schaffen von Jakub Degler immer wieder. Es sind die klaren Formen, die den Künstler an diesem Motivschatz interessieren. Seine Herkunft aus Polen und seine Zeit in Krakau, wo er zwischen 1997 und 2002 Grafik und Malerei studierte, haben wohl das ihre zu dieser Faszination beigetragen, denn seine architektonischen Formen und Fragmente sind Zeichen von Zerfall genauso wie sie Spuren von Geschichte darstellen.

Die Spuren der Zeit sind in Deglers Schaffen jedoch weniger als Kultur- und Gesellschaftskritikaufzufassen, sie sind keine Kritik gar an einer polnischen Gesellschaft oder Architektur. Vielmehr sind sie als ästhetisches und assoziatives Potential zu verstehen. So sehen wir modernistische Hochhäuser und Fabrikgebäude und wissen gleichzeitig um all die missglückten Utopievorstellungen, die deren Erbauer umsetzen wollten. Derartige Assoziationen sind in Deglers Werken aber nur Assoziationen, sie sind nicht explizit benannt. Damit geht seinen Werken auch jeglicher nostalgischer Charakter vollkommen ab. Wir treffen hier auf ein bewusst reduziertes Motivrepertoire, was aber weniger Beschränkung ist, sondern vielmehr eine strenge Konzentration. Eine Konzentration, die als Resultat eine ausgiebige Analyse des Motivschatzes hervorbringt. Womit dem Betrachter, wenn nicht alle, so doch verschiedenste Sichtweisen auf ein und dasselbe Motiv vorgeführt werden.

Dominik Imhof, Kunsthistoriker

 

Bildergalerie

 

Die letzten zwei Monate war der Kunstraum gepard14 eine Art "Playground" oder "Spielwiese" für den Künstler Jakub Degler (*1976, geboren in Krakau/PL; lebt in Bern): Mit der für ihn typischen Euphorie und Lust am Ausprobieren ging er hier regelrecht auf die Kunst los; brachte allerhand Materialien zum Drucken, Zeichnen und Malen mit, aber auch Reste und Fragmente bisheriger Arbeiten. Vieles erarbei-tete er von Grund auf neu, anderes überarbeitete er und schuf so eine beachtliche Anzahl Werke vor Ort. Die Vielfalt künstlerischer Techniken zeugt vom vielgestaltigen Arbeitsprozess und der ansteckenden Faszination des Künstlers für bestimmte Motive und Materialien. In diesem Sinne mutierte auch der Kunstraum erneut zum temporären Labor und Ort der Konzentration, wo knifflige Arbeiten und Ent-scheidungen anstehen und zuletzt eine Auswahl von Werken für die Ausstellung getroffen werden muss. Jakub Degler liess sich von der Situation offensichtlich zu viel Verve und Kunst inspirieren.

Bei der Wiederaufnahme der Malerei vor rund zweieinhalb Jahren entdeckte Jakub Degler durch Bilder im Internet das Motiv alter, verlassener Spielplätze. Playground Memories erinnert buchstäblich an diesen künstlerischen Entdeckungsprozess wie auch an die Geschichten, welche die dargestellten Spiel-plätze und einzelnen Geräte erzählen. Bei den Betrachtern werden Bilder aus der Kindheit oder solche von nachfolgenden Generationen auf Spielplätzen wachgerufen: von unbeschwerter Ausgelassenheit, aber auch von schmerzlichen Erfahrungen nach einem Sturz oder einem anderen Missgeschick.
Die Playgrounds von Jakub Degler sind durchaus ambivalent, ohne dass eine festgelegte Deutung oder Botschaft vermittelt würde. Vielmehr sind es die Ästhetik, die vielfach geometrischen, teilweise kruden und surreal anmutenden Formen der historischen Spielplatzgeräte, die es dem Künstler angetan haben. Auf dem grossformatigen Bild Playground 4 (2014) verschwindet ein verbogenes Klettergerüst nahezu in einem Meer von Büchern. Die Situation ist zwar unwirklich, aber in der Vorstellung nachvollziehbar – eine Spannung, die in der Dynamik der vertikalen und horizontalen Bildrichtungen sowie der kreuz und quer liegenden Bücher gleichsam gespiegelt wird.

Die Motive der Spielplätze ähneln den geometrischen Formen und den modernistischen, brach liegenden Stadtarchitekturen auf mehreren Arbeiten von Jakub Degler – Themen, wofür sich der Künstler bereits seit geraumer Zeit interessiert. Bei den Vorlagen handelt es sich unter anderem um Aufnahmen von Detroit, doch die genauen Orte und ihre Historie spielen auch da eine untergeordnete Rolle. Noch offener für die Deutung und reduzierter in der Form sind die Bilder von einzelnen geo-metrischen Formen oder blossen Form-Fragmenten. Einmal mehr sind die Betrachter gefordert, fehlende Teile beim Sehen, im Spiel mit den eigenen Gedanken, zu ergänzen und Geschichten darum herum weiterzuspinnen.

Die Arbeit von Jakub Degler bewegt sich zwischen "Hemmungslosigkeit", wie er es selbst nennt, und eigener Regulierung. Einerseits folgt er dem Drang, möglichst vieles auszutesten, Techniken miteinan-der zu kombinieren und in Grenzbereiche vorzustossen. In der Ausstellung wird dies beispielsweise an seinen neuartigen "Stencils" – Spraybildern mithilfe von Schablonen – oder verschiedenen Siebdrucken auf Schleifpapier, sowie Linoldrucken auf Malerei ersichtlich. Andererseits nimmt sich der Künstler immer wieder zurück, reduziert die Inhalte und Mittel, um zu einer möglichst klaren Formensprache zu gelangen. Weder will er seiner Kunst bloss freien Lauf lassen und der Beliebigkeit verfallen, noch will er sich ständig wiederholen und allzu eingeübten Techniken weiter nachgehen, die das Innovative und Künstlerische schmälern. Vielmehr geht es ihm um neuartige Herangehensweisen, die an das Bisherige anschliessen und das Wesenhafte der Motive zum Ausdruck bringen. Dadurch erhalten die Sujets zum Teil eine ikonische Wirkung wie bei einem Stempel oder einem Logo. Vor diesem Hintergrund ist auch die Wiederaufnahme der Malerei nach jahrelanger Routine im Tiefdruck zu verstehen, den Jakub Degler zur Zeit nicht mehr ausübt. Einzelne Kupferplatten der Tiefdrucke tauchen allerdings gerahmt, als Arrangements hinter Glas, wieder auf, und einige der gedruckten Papiere werden mit Sieb- oder Linol-druck-Motiven überarbeitet. Unterschiedliche, kleinformatig zugeschnittene Druckresten dienen ebenso als Untergrund zum Malen, Sprayen oder neu Bedrucken, woraus fortlaufend die so genannten "Mix Prints" entstehen.

Überblickt man den Bilderreigen im Ausstellungsraum oder richtet das Augenmerk auf eines der zwei- oder dreiteiligen Bilder, entsteht bisweilen der Eindruck einer Filmsequenz. In der Tat folgen die über-einander angeordneten Bildteile dem Prinzip eines Filmstreifens, und interessanterweise entstammen die Porträts auf einigen Werken ebenfalls der Geschichte des Films: Zu erkennen sind etwa James Dean, Steve Mc Queen oder Liv Ulmann. Aber auch da fiel die Wahl des Künstlers eher zufällig auf Schau-spieler/innen. Ähnlich wie im Film sind es wechselnde Rollen, die sie aufführen und wie auf Jakub Deglers Bildern verkünden sie Geschichten einer unwirklich wirklichen Welt der Kunst.

Marc Munter, Kunsthistoriker, Bern

 

 

 

 

 

 

 

Sylvia_Hostettler_copy.jpg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

SYLVIA HOSTETTLER

 

Fotografische Experimente
+
Bauende ZMO, Zeit-Mass-Objekt 2003-2013

   

Einladung zur Vernissage   Freitag, 31. Januar 2014, ab 18 Uhr

Einführung durch Marc Munter, Kunsthistoriker

 

Öffnungszeiten      1. und 2. Februar 2014, 13 - 18 Uhr 


Überraschungsfilme an den Abenden vom Mittwoch

4. und 18. Dezember 2013, 8. und 22. Januar 2014
Minibar ab 19:30 Uhr; Filmbeginn 20:30 Uhr

Sylvia Hostettler

*1965 in Biel/Bienne, lebt in Bern


«Mit meinem Werk möchte ich mich auch für Nachhaltigkeit einsetzen, damit uns ein Nährboden als Lebensgrundlage erhalten bleibt, aus dem Zauberhaftes und Kostbares wachsen kann.»


Dem Unsichtbaren oder kaum Sichtbaren, dem Unscheinbaren gibt Sylvia Hostettler Platz in ihrem Werk.
Sie sucht die Form in einer indirekten Sichtweise. Inspirationsquellen findet sie von jeher durch Ausflüge in die Natur. Über die Jahre haben sie diese Reisen durch unterschiedlichste Landschaften geführt, durch die Schweizer Alpen nach Island, Tokyo und als artist-in-lab in die Welt der Forschung und die Erkundungen sind zu «Performativen Wanderungen» und «Philosophischen Gedankengängen» geworden.

Als «leidenschaftliche Körpererfinderin» ist ein Hauptgebiet des Schaffens von Sylvia Hostettler das plastische Objekt, das sich aber auch in raumgreifende Installationen, bestehend aus verschiedenen künstlerischen Medien, zusammenfügen kann.

Der Zufall will es, dass das Zeit-Mass-Objekt, an dem die Künstlerin nun seit 10 Jahren stetig arbeitet und das sie aus daumennagellangen, aneinander gereihten Wachszellen formt, Ende Jahr seinen Abschluss findet. Im Dezember 2013 wird Sylvia Hostettler den letzten Monat während ihrem Atelieraufenthalt im gepard14 am ZMO bauen und kommt dort zum Bauende.
 

www.sylviahostettler.ch

www.ovra-archives.com

 

Blog "KulturStattBern" 31.1.2013

 

Sylvia Hostettler

Fotografische Experimente und Bauende ZMO, Zeit-Mass-Objekt 2003-2013


Sylvia Hostettler (*1965 in Biel/Bienne, lebt in Bern) hat schon vielerorts ihre Zelte aufgeschlagen: Als Gastkünstlerin im Unterengadin, 2005; als Reisestipendiatin auf Island und artist-in-lab im Centre intégratif de Génomique der Universität Lausanne, 2007–2008, sowie als Artist in Residence in weiter Ferne in Tokyo, 2009. Für ihre Ausstellung in Arbon vor drei Jahren errichtete sie buchstäblich eine Zeltstätte aus Plastikplanen, als Ausstellungsraum im Kunsthallenraum.


Nun verlagerte die Künstlerin von Dezember bis Januar ihren Arbeitsort in den Kunstraum gepard14, der bereits seit über fünf Jahren verschiedenen Kunstschaffenden jeweils für mehrere Wochen eine Residency zum Arbeiten und eine Plattform zum Ausstellen bietet. Auch wenn das Liebefeld in unmittelbarer Nähe ihres Wohnorts liegt, betrat Sylvia Hostettler hier einmal mehr Neuland und spannte ihre Zelte, ihre künstlerisch-ästhetische Forschung, um neue Objekt- und Bilderwelten.


Wie beim fünfteiligen Zyklus Landschaften (2005–2011), der mit der Residenz der Künstlerin im Unterengadin begann, treffen wir in der Ausstellung erneut auf fantastische Formen und Verformungen der Natur, auf Gewächsartiges, Organisches und Körperliches. Dabei erscheint die surreale, nächtlich bunte Kraterlandschaft (o.T., 2013) auf den drei Fotografien geradezu als ferner Ort, als Planet oder Unterwasserwelt, wo die exotische Fauna und Flora Sylvia Hostettlers gedeihen könnte. Zumal das Unwirk-liche und Mehrdeutige ein und derselben Landschaft auf frappante Weise deutlich wird: Einmal leuchtet schwach ein Mond am Firmament über oder besser unter der Landschaft; ein andermal nähert sich ein quallenähnliches Wesen dem Boden: leichtfüssig schwebend; zugleich gigantisch und bedrohlich – als setzte ein unbekanntes Flugobjekt zur Landung an. Der abgebildeten Landschaft liegt eine mehrfache Silikon-Abformung zugrunde, ursprünglich der Abguss eines Quadratmeters Boden der Kunsthalle Arbon: Auch hierin schliesst sich ein Kreis der künstlerischen Erkundungen Sylvia Hostettlers.


In den Arbeiten der Künstlerin finden sich immer wieder künstliche neben natürlichen Materialien. Ausgebreitet auf den Arbeitstischen wie bei gepard14 oder präsentiert in den Ausstellungsräumen erinnern sie an die Auslagen historischer Kunst- und Wunderkammern oder gegenwärtiger Vitrinen naturhistorischer Museen. Darin klingt ein ureigener Topos der Kunst an: die Auseinandersetzung mit der Natur versus Kultur; die Hervorbringung einer Kunst, welche die Natur zum Vorbild hat, sie aber in ständig variierten, mitunter fantastischen Formen wiedergibt. So ähneln auch Sylvia Hostettlers Bilder von faserigen Öffnungen oder Durchbrüchen (o.T., 2014) einem seltenen Naturschauspiel: Einige durchstossen förmlich die Bildfläche und geben den Blick frei auf exotische Unterwasserlandschaften; andere sind eingefärbt wie meisterliche Aquarelle, sodass die fotografische Machart beinahe unkenntlich wird. Aus der Nähe betrachtet, wird dagegen an einigen Stellen das Raster einer Beamer-Projektion ersichtlich. Hinter den Aufnahmen steckt letztlich ein komplexes fotografisches Verfahren mit Schattenwürfen von ausgeschnittenen Plastikfolien und unterschiedlichen Licht- und Bildprojektionen. Der laborartige Bild-findungsprozess lässt ebenso auf Sylvia Hostettlers Interesse am Erforschen und Erkunden neuer Darstellungsweisen mit teilweise wiederkehrenden Motiven und Formen schliessen.


Mit einem sanften Luftstoss setzte die Künstlerin mehrere Knäuel und Schnittformen aus Plastikfolie in Bewegung und fotografierte sie dabei mit Langzeitbelichtung. So entstanden die Bilder mit dem sprechenden Titel Hauch (2014). Auch sie erscheinen vor dem tiefschwarzen Hintergrund wie wunderbare Lebewesen aus den Tiefen des Meeres.


Häxäbäse (2014) [Hexenbesen] ist nicht nur ein märchenhaftes Fluggerät, sondern auch die biologische Bezeichnung für Verwachsungen in Baumkronen, die vor allem durch Pilzbefall entstehen. Die Doppeldeutigkeit passt trefflich zu den bunten, eigenwilligen Pflanzengebilden Sylvia Hostettlers: An die Anomalien von Tannenzweigen applizierte sie mit farblosem und buntem Wachs verschiedene Samen-stände von exotischen Pflanzen, Tannenzapfen und einem Rosengewächs. So surreal und "weit hergereist" die Objekte auch wirken, so nah ist ihre tatsächliche Herkunft: Die Künstlerin fand die Anomalien und die Samen auf ihren Streifzügen in der näheren Umgebung.


Glückliche Umstände führen anlässlich der Vernissage schliesslich zur Enthüllung von Sylvia Hostettlers Zeit-Mass-Objekt (2003-2013) nach Ablauf der Arbeitszeit von 10 Jahren. Eine Fotografie kündet ebenfalls von der Gestaltwerdung des Objekts. Seit September 2003 arbeitete die Künstlerin 26-30 Stun-den monatlich an dem Projekt, wofür sie mithilfe der Wärme einer Spotlampe sorgsam einzelne daumennagellange Wachszäpfchen aneinanderfügte. Den Arbeitsstand dokumentierte sie regelmässig und zeigte das Objekt mehrmals in der Öffentlichkeit. Wie ein langsam sich entwickelnder Organismus wuchs das Objekt Zelle für Zelle beziehungsweise Zäpfchen für Zäpchen. Darin manifestiert sich ein Prozess der Entschleunigung gegenüber dem rasanten Lebens- und Weltenlauf, aber auch das Bild einer eigenen, künstlerischen Geschichte über den Zeit-Raum einer Dekade.


Marc Munter, Kunsthistoriker, Bern

 

Bildergalerie

 

Verlängerung der Ausstellung:

8. Februar 2014, 12-17h (im Rahmen von Kollektiv Open)
9. Februar 2014, 14-17h (im Rahmen von Kollektiv Open)

Programm von Kollektiv Open

Programm Gespräch am  Samstag 8.Februar