Meinrad Feuchter

K eine Ahnung von Helmut K

Eine Kabinettausstellung um eine verschollene Person.

Anfang Dezember hat der Solothurner Kunstschaffende Meinrad Feuchter für zwei Monate die Gepard 14 Räume bezogen. In der Zeit bis Ende Januar soll darin eine Geschichte entstehen, mit Fundstücken, die er vor fünfzehn Jahren bei der Räumung des Gasthauses «Mühlhof» in Niedergösgen entdeckt hat. Schrittweise werden der Ausstellung weitere Objekte, Bilder und Texte zugeführt, die mit den gefundenen Sachen primär nichts zu tun haben, aber die Erzählung beeinflussen. So wächst die Ausstellung und verändert sich auch inhaltlich, ähnlich wie beim Tradieren von überlieferten Geschichten. Ein akkurates Projekt zur dunklen (Jahres)Zeit.

Meinrad Feuchter freut sich über Ihren Besuch während dem Ausstellungsprozess im Kunstraum. Sie erreichen ihn vorweg mit der Nummer: 079 831 48 23

An der Schlusspräsentation vom 23. – 25. Januar 2026 werden weitere Kunstschaffende mit eigenen, spezifischen Werken teilnehmen. Eine entsprechende Einladung erhalten Sie im Januar.

 

 

 

 

 

 

Katharina Wüthrich

Ausklang

Mit der Installation das wurZelt, ihren Büttine und der spartenübergreifenden Arbeit Das Blatt kann sich wenden rundet Katharina Wüthrich ihre Residency-Zeit ab. Angerissenes lässt ahnen, wie ihre Reise weitergehen könnte.

Herzlich willkommen zur

Finissage: Feitag, 28. November, 18h

Einleitung durch Myriam Dössegger, Kunsthistorikerin

 

Öffnungszeiten der Ausstellung

Freitag, 28. November, 18 – 21h

Samstag, 29. November, 13 – 17h

Sonntag, 30. November, 11 – 15h

Katharina Wüthrich ist während der Ausstellung anwesend.

 

Bildergalerie Katharina Wüthrich

 

Katharina Wüthrich: einnisten – eine Auslegeordnung

Ein gedanklicher Spaziergang

Geht man durch die Ausstellung einnisten – eine auslegeordnung von Katharina Wüthrich im Gepard14, dominieren gedeckte, erdige Farben. Sie reichen vom hellen Ocker der Artischockensamen, die stellenweise perlmuttartig schimmern, bis zu den satten Brauntönen von Eicheln und Bucheckern. Ein wiederkehrendes Element ist das Bienenwachs, das als Bienenwaben hellgelb und in verarbeiteter Form dunkelgelb wirkt. Es gibt Arbeiten auf braunem Kraftpapier, hölzerne Bienenwabenrahmen, trockenes Laub und Pilze von Spaziergängen in der Umgebung. Kühles Grau durchbricht die erdige Wärme, präsent in zahlreichen Metallbehältern und einer grossen Arbeit auf Zeitungspapier. Auf den ersten Blick schwarz-weiss wirken die Drucke von Mikroskopaufnahmen, bevor man genauer hinschaut und ein kräftiges Grün und Violett entdeckt. Das kräftige Grün ist auch präsent in den Sämlingen, die in der Ausstellung wachsen. Einen weiteren Akzent bilden die Blautöne von Himmel und Wasser. Damit ist ein erster Rahmen abgesteckt, die Natur bildet den Ausgangspunkt, liefert Materialien und Bilder.

In der Mitte des grossen Raumes steht ein Arrangement aus fünf metallenen Zubern, die „Bütti“. Über den Zubern hängen kleinere und grössere Stücke von getrockneten Artischockenherzen, die wie pelzige Flugkörper wirken. Der grösste Zuber ist gefüllt mit Artischockensamen. Bei unserem Rundgang greift die Künstlerin mit beiden Armen in den Zuber und türmt die federleichten Flugsamen zu einer luftigen Wolke auf. Sinnbildlich überfliesst sie in die anderen Zuber, in denen frisches Grün spriesst. Die Eicheln stammen aus der unmittelbaren Umgebung des Ausstellungsraums. In einem anderen Zuber erwacht eine Vogelfuttermischung zum Leben. Die Samen faszinieren durch die Fülle ihrer Erscheinungsformen. Manche sind klein und mit unterschiedlichsten Flugmechanismen ausgestattet. Die Kerbelsamen sammelt Katharina Wüthrich als natürliches Konfetti, in einer Videoarbeit wirbeln Ulmensamen wie Schneeflocken im Wind. Andere sind rund, glänzend und schwer, wie die Eicheln, die grösseren Lebewesen als Nahrung dienen. Wenn sie nicht selber fliegen können, lassen sie sich von Tieren in alle Himmelsrichtungen tragen. Die Samen bergen einen scheinbaren Widerspruch in sich. So vertrocknet sie oft wirken, bergen sie doch ein immenses, verborgenes Potenzial. Sie stehen für den Kreislauf der Natur und die Hoffnung für die Zukunft.

In einem weiteren Zuber blickt man auf einen Bildschirm hinunter, der von einem Kranz aus Bucheckern, Eicheln und anderen Samen umgeben ist. Grashalme bewegen sich im Wind, Wolken ziehen vorbei – blickt man auf die Reflexion einer Teichoberfläche, auf der das Pflanzenmaterial schwimmt? Bei näherer Betrachtung offenbart sich das Gesehene als Blick von der Erde, vorbei an den Grashalmen in den Himmel. Paradox, wie einem der Himmel in dieser Umkehrung der Perspektiven zu Füssen liegt. Mit der Umkehrung spielt die Künstlerin auch in anderen Arbeiten. Ihr Blick richtet sich sowohl auf die kleinen Details wie auf die grossen Zusammenhänge. Die Reflexion darüber wohin wir gehen und wie wir leben ist ihr ein wichtiges Anliegen. Darauf verweist der Inhalt des fünften Zubers. Auf einer Wasseroberfläche schwimmt ein Stück Bienenwachs mit einer magnetisierten Nadel – ein Kompass aus einfachsten Mitteln. In einer Zeit, die von technologischen und gesellschaftlichen Umbrüchen, politischer Polarisierung und einem Nachlassen des Gemeinschaftssinnes geprägt ist, hat sie das Bedürfnis, sich zu zentrieren und sich auf das zu besinnen, was ihr wichtig ist.

In den Ecken liegen zwei weitere umgekippte Zuber, die als Projektionsflächen dienen. Im einen wieder der Blick in den Himmel, diesmal vorbei am emsigen Treiben der Bienen. Darüber ziehen in ruhiger Bewegung die Wolken vorbei. Der Kontrast zwischen den weissen Wolken und dem Blau des Himmels erinnert die Künstlerin an die ersten Aufnahmen der Erde aus dem Weltall. Diese ganz neue Perspektive auf die Erde, die plötzlich so wunderbar bunt, klein und verletzlich wirkte, bewegte die Menschen und motivierte viele, der Natur mehr Sorge zu tragen, ihre Kostbarkeit zu verstehen und den Blick auf das grosse Ganze zu richten. Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, richten unseren Blick am Tag auf die Wolken und nachts auf die Sterne. Die Bienen stehen für das Transzendente. Sie sind eingebunden in den Superorganismus des Bienenstocks, eine einzelne Biene überlebt nicht lange. Was, wenn sich die Menschen in ähnlicher Weise als Teil einer Gemeinschaft verstehen würden, die aufeinander angewiesen ist und sich für das Wohl der anderen einsetzt?

Seit rund 15 Jahren pflegt Katharina Wüthrich als Imkerin ihre eigenen Bienen. Bei manchen der Werke haben sie mitgearbeitet. In Rahmen, die mit verschiedenen Gegenständen bestückt sind, haben sie ihre Waben gebaut. Die Bienen haben dabei ihren eigenen Kopf und unterschiedlich auf die Gegenstände reagiert. Die von der Künstlerin aufgeschlagene Seite von Max Frischs Roman wurde zu winzigen Papierfetzchen zerkleinert, rechts ist nun eine andere Seite aufgeschlagen, während sich auf der gegenüberliegenden Fragmente verschiedener Seiten in einer natürlich anmutenden Struktur überlagern. Manche Objekte werden eingebaut, bei anderen haben die Bienen lediglich den freien Platz genutzt. Die Seekarte ist komplett verschwunden, die Banknoten blieben unangetastet. Wie kleine Inseln wirken manche der unfertigen Waben und finden ihren Widerhall in den goldgelben Inseln der hinterlegten Seekarten.

Einmal aus den Waben herausgelöst und eingeschmolzen, ist das Bienenwachs ein vielseitiges Material, das weich und formbar ist und als Kerze Licht spenden kann. In einer Videoarbeit schwimmt es zur golden glänzenden Kugel geformt auf dem Wasser. Ein rätselhaftes Objekt, fast als wäre die Sonne in den Teich gefallen. Gleichzeitig magisch und fragil wirkt die Kugel, ob sie nicht schmilzt in der Sonne? Dann würde ihr die Quelle ihres goldenen Schimmers zum Verhängnis.

An anderer Stelle findet sich das Wachs zu Barren geformt, die wie Goldbarren auf einer Metallplatte aufgetürmt sind. Die Barren sind kostbar, ein Geschenk der Arbeit von unzähligen Bienen. In Nachbarschaft mit dem Kompass regt die Arbeit dazu an, den Wert der Dinge zu hinterfragen, in einer Zeit, in der die Schlagzeilen von mächtigen Multimillionären geprägt werden.

Daneben scheint das Bienenwachs aus einer Fischbränte auf den Boden geflossen zu sein. Auf die Bränte projiziert wird eine Videoaufnahme von violett schimmernden Fischen. In der statisch gefilmten Aufnahme sieht man das Wasser des Flusses vorbeiziehen, während die Fische die kleine Projektionsfläche nicht verlassen. Sie schwimmen gegen den Strom, um an der gleichen Stelle zu verharren – treten sie sprichwörtlich auf der Stelle? Sie wirken wie in der Installation gefangen. Auf die Gefangenschaft verweist auch die Bränte, die dem Fischer zum Transport seiner Beute dient. Das erstarrte Wachs hält sie an Ort und Stelle. Doch die Perspektive lässt sich umkehren. Die Fische sind frei, sich im Fluss zu bewegen. Trotz der bewegten Umgebung wählen sie den Stillstand. Die Fische sind an die fliessende Bewegung des Wassers angepasst, sie kämpfen nicht dagegen, sondern ruhen sich gerade aus und es ist ihre besondere Fähigkeit, inmitten des reissenden Stroms still zu stehen.

Das Wasser spielt in einem weiteren Zuber die Hauptrolle. Auch hier blickt man auf die bewegte Oberfläche eines Flusses. Die Wellen scheinen sich am rostigen Grat einer Kerbe zu brechen. Ein hypnotisierendes Spiel von Grund und Projektion. Dazu hört man eine Tonspur, in der die Künstlerin alle in der Schweiz zugelassenen Pestizide liest. Die Arbeit macht darauf aufmerksam, dass viele Pestizide nicht dort bleiben, wo sie eingesetzt worden sind und ihren Weg ins Wasser, in die Pflanzen und Körper von Mensch und Tier finden.

Katharina Wüthrich spricht sich dafür aus, dass wir unsere Handlungen mit Bedacht wählen. Auch die Worte, die wir sprechen. In der grossen Wandarbeit geht es um letztere, die Worte, die wie Samen im Wind verwehen oder auf fruchtbaren Boden fallen und Wurzeln – oder auch Wellen schlagen können. Die Kreise deuten die konzentrischen Kreise auf dem Wasser und Schallwellen an. Sie bewegen sich über eine Lage aus Zeitungspapier, deren unzählige Wörter und Schlagzeilen von bewegten Zeiten sprechen. Ausgangspunkt für die Arbeit war das Vorhaben, einen Text über das gedankliche Bild von Wörtern als Samen zu schreiben. Die Wandarbeit dient als Illustration zum Text und gibt Gelegenheit zur Reflexion.

Manche der Arbeiten sind ein Wagnis. So das Wurzelzelt im kleineren Raum. Eineinhalb Wochen vor der Ausstellung ist die Mitte des Zeltes kreisrund vom frischen Grün jungen Grases bedeckt. Es gilt das richtige Mass an Feuchtigkeit aufrecht zu erhalten, damit die Pflänzchen weiter gedeihen. Bei dieser Arbeit stehen die Wurzeln im Zentrum der Aufmerksamkeit. Das Zelt soll für die Ausstellung aufgerichtet und begehbar werden, sodass man unter die Grasoberfläche treten kann und von den Wurzeln umgeben ist. Damit wird ein elementarer Teil des Lebens der Pflanzen sichtbar, das uns sonst verborgen bleibt. Neben den Samen sind die Wurzeln ein Thema, mit dem sich die Künstlerin aktuell intensiv beschäftigt.

Andere Arbeiten sind noch im Prozess der Entstehung. Mikroskopische Aufnahmen von Artischocken begrüssen die Besuchenden am Eingang. In den winzigen stachelartigen Elementen spiegelt sich das Erscheinungsbild der ganzen Pflanze wider. Die sichtbar gemachte Struktur wirkt textil, wie eine Weberei vielleicht. Diese Beobachtung führte die Künstlerin zu einer Reihe von Zeichnungen, die mit textilen Elementen kombiniert werden. Sie greifen Strukturen aus der Natur auf, die zum Teil von blossem Auge sichtbar sind, zum Teil nur durch die Vergrösserung durch das Mikroskop. Eines der Muster stammt von der Unterseite eines Baumpilzes, den Katharina Wüthrich auf einem Spaziergang in der Umgebung gefunden hat.

Einiges ist noch offen. Wie geht es mit den Zeichnungen weiter? Hält die Zeitungspapiermasse auf der grossformatigen Arbeit? Wo führen die Spaziergänge, die Beobachtungen, die Experimente hin? Welche Verbindungen zwischen den Dingen offenbaren sich? Wie spinnen sich die Geschichten und Assoziationen in den Räumen weiter?

In der ganzen Ausstellung präsent sind eine gewisse Sorgfalt und eine Zartheit der Materialien, der Beobachtungen und Prozesse die zu den Arbeiten geführt haben. einnisten – eine auslegeordnung ist ein sensibles Plädoyer für eine Reflexion der eigenen Perspektive und für mehr Sorge zur Natur.

 

Text: Myriam Dössegger, Kunsthistorikerin

 

 

 

 

Katharina Wüthrich

Einblick

Sonntag, 9.November 2025, 14 – 20 Uhr

Die Künstlerin lädt ein zum Verweilen in ihren neuen Abeiten.

Dazu gibt es ab 18 Uhr Musik mit der Band 

Immergrün 

Jessica Maurer Gesang

Jens Fritz Piano

Theo Känzig Bass 

Marcel Roth Schlagzeug

Albrecht Neftel Flöte


Finissage mit der Abschlussausstellung, 28. – 30. November

 

 

 

Katharina Wüthrich

einnisten

Ausgehend von dem, was Katharina Wüthrich in diesem Jahr bereits geschaffen hat, macht sie sich auf den weg in ihre residency-zeit.

Herzliche Einladung diesen Aufbruch zu feiern mit einer ersten Auslegeordnung ihrer Bienenwachsarbeiten und der Installation zusammen samen

Samstag 11. Oktober 2025, 14 – 18 Uhr,

Lesung: Spoken Word mit Ktharina Wüthrich um 15 Uhr

Ausblick:
Einblick, work in progress, 9. November 14 – 20 Uhr

Konzert ab 18 Uhr mit Immergrün Jessica Maurer Gesang, Jens Fritz Piano, Theo Känzig Bass, Marcel Roth Schlagzeug, Albrecht Neftel Flöte


Finissage mit der Abschlussausstellung, 28. – 30. November

 

 

 

 

 

 

 

Antonia Erni

all you can eat

 

Freitag 19. September 2025, ab 18 Uhr

 

Performance von Antonia Erni 19 Uhr

 

mit einer Einführung durch 

Mathias Kobel, Kunsthistoriker

 

all you can eat spielt mit der Lust Parameter zu verschieben

und Gewohnheiten zu irritieren.

Mit einem Augenzwinkern verfolgt all you can eat

diese Idee konsequent bis zum letzten Stück.

 

Text zu der Performance von Antonia Erni, Gepard 14, 19.09.2025      

LE MENU

Ich heisse Sie herzlich willkommen zur Performance «all you can eat» von Antonia Erni.

Der unabhängige Kunstraum und Prozessort Gepard 14 wird während den nächsten Stunden zu einem Ort der Transformation. Idealerweise stellen Sie sich gerade vor, den Kunstraum als solchen gedanklich zu verlassen und in einem Restaurant zu sitzen oder in einem Hotel an der Bar zu stehen. Sie werden Teil der Aktion von Antonia Erni sein. Ohne zu viel zu verraten, erleben Sie in einer verdichtenden Form die Früchte eines mehrtägigen Aufenthalts der Künstlerin an diesem Ort. Das Programm des Abends teilt sich in drei Akte, ähnlich eines Speisemenüs mit mehreren Gängen: Vorspeise, Hauptgang, Dessert.

JAGEN UND SAMMELN

Unzählige Möglichkeiten, Ideen und Wege erzählen die abenteuerliche Geschichte der Nahrungssuche von Mensch und Tier. Es gibt Essbares und nicht Essbares. Auch die Vor- und Zubereitung des Essens kann eine Eigendynamik entwickeln. Jagen und Sammeln, Blanchieren und Flambieren, Abschmecken und Backen: ein Strauss an Einfällen für den Kochvorgang. Ein ständiges Abwägen zwischen Inhalt, Form, Aroma und Aggregatszustand.

«AMUSE BOUCHE»


Der Tisch ist gedeckt. Die akurat gefaltete Serviette liegt neben dem Besteck welches aus Teig geformt wurde. Das Wasserglas aus Wasser beginnt schon zu schmelzen. Die Unebenheiten und Oberflächen der rustikalen Gefässe reizen die taktilen Sinne. Darf ich die Objekte berühren? Um den Tisch herum befand sich vor wenigen Tagen noch die Arbeitsfläche der Künstlerin. Fein säuberlich aufgereit die Backpulvertütchen neben dem Schwingbesen und der Spaghetti-Lakritze. Ein kleiner Gruss aus der Laborküche.

PAS DE CARTE

Die künstlerische Arbeit von Antonia Erni beinhaltet viele Ebenen. Ort, Raum, Erinnerungen und Interaktion sind Parmeter ihrer oftmals in situ entstehender Aktionskunst. Je längers je mehr sind es auch Elemente des Theaters: eine Handlung, ein Ablauf, eine Bühne, kein Skript. Der Arbeit kann ein längerer Prozess vorausgehen, wobei Ideen hinzukommen oder sich zuerst fixierte Bestandteile der Performance wieder auflösen. In ihrer hier präsentierten Aktion steht dies als Gegensatz zu den opulenten, orchestrierten Kochrezepten des Fin de Siècle oder der Haute Cuisine.

DAS VERZEHRLOKAL

Vor den grossen Kinderaugen türmen sich die feinsten, leckersten Speisen und Süssigkeiten auf nicht endenden Buffets und Tischen. Eine Erinnerung aus der Kindheit der Künstlerin. Als das Konzept der ersten All-you-can-eat-Restaurants auch in der Schweiz ankam, führte dies zu einer kleinen Revolution: sich selber am Buffet bedienen und soviel essen wie man möchte zu einem unschlagbaren Tiefpreis – ein Schlaraffenland. Antonia Erni wird dieses Konzept heute Abend ad absurdum führen. Ein gedeckter Tisch, ein Mixer, die Wandvitrine bilden Teile einer Art Tryptichon im Raum. Im Zentrum steht der Esstisch. Vielleicht gibt es einen Tischservice. Wo sind die Kellner und die Tellerglocken? Lassen wir uns überraschen.

Mathias Kobel

 

Bildergalerie Fotos von Bruno Schmidlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 
 
 
 
 

Tiko EL Outa

Between the Peaks

 
Vernissage: Freitag 4.Juli 2025  18Uhr
 
Die Ausstellung ist am
5. und 6. Juli von 14 - 18 Uhr geöffnet
 
Seid herzlich willkomen!

 

 

 

Between the Peaks verknüpft Kunst und kulturelle Forschung, um universelle Fragen nach Identität, Gemeinschaft und Tradition zu untersuchen. Es rückt zwei faszinierende Hochlandkulturen in den Fokus, die trotz geografischer Distanz ähnliche Mechanismen zur Bewahrung ihres Erbes entwickelt haben. Das Projekt schlägt eine Brücke zwischen Tuscheti und Bern, zwischen Regionen, Zeiten und Lebensweisen und schärft zugleich den Blick für die Relevanz lokaler Traditionen im globalen Kontext. Es gibt keine einfachen Antworten, doch es eröffnet Räume für neue Perspektiven und lädt dich ein, selbst Fragen zu stellen.


 


 

Artist Statement:

Tiko El Outas Arbeiten bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen gegensätzlichen Kräften: Schönheit und Hässlichkeit, Perfektion und Unvollkommenheit, Komik und Tragik, Bewusstem und Unbewusstem. Diese Kontraste entfalten sich in den vielfältigen Medien, die sie verwendet, darunter Malerei, Skulptur und Film, und formen immersive Dramen, die emotionale, wahrnehmungsbezogene und existenzielle Grenzbereiche ausloten. Tiko lässt sich von einer breiten Palette an Quellen inspirieren, darunter Gemälde der Alten Meister, hellenistische Skulpturen, Paganismus, experimentelle Filme und die eindringliche Poesie von Bertolt Brecht. Diese Einflüsse transformiert sie in etwas völlig Eigenständiges und verwebt sie zu einer unverwechselbaren künstlerischen Sprache. Ihre augenlosen Figuren, monumental und zugleich intim, fordern die Betrachtenden heraus und laden sie zugleich ein. Sie schaffen eine tief empfundene Verbindung, deren Wirkung lange nachhallt. Diese Figuren, rätselhaft in ihrer Präsenz und doch ohne Blick, fungieren als Spiegel und ziehen uns tiefer in das Reich des Unbewussten.

 

 

Bildergalerie

 

Tiko EL Outa  „Between the Peaks“                     gepard14 4.5.6. Juli 2025

Berge bilden faszinierende Wesen. Unerreichbar hoch und majestätisch ragen die Gipfel voller Kraft und unbändiger Energie in die Höhe und schauen auf uns Menschen herab. Im Gebirge bestimmt die Natur wie die Dinge laufen, wann wir auf sicheren Pfaden gehen können und wann wir besser in unseren Unterschlüpfen bleiben sollten. Diese absolute Dominanz der Berge hat dazu geführt, dass sich die Menschen, die den Mut und die Kraft aufgebracht haben sich in Gebirgen anzusiedeln, sich vollkommen den Bergen unterworfen haben.

Um die unbändigen Kräfte der Natur, die in Bergregionen herrschen zu begreifen, haben die Menschen die Mythologie. Sie bildet die kulturelle Identität und berichtet über das Zusammenleben, die Bräuche und ihre Verwurzelung in der Heimat. Dabei spielt die Landschaft im Jahreszyklus mit ihren Tieren, Pflanzen und Pilzen eine zentrale Rolle. Dazu kommen die unberechenbaren Naturgeister wie Feen und Kobolde, welche die Gesinnung und das Unterbewusstsein der Menschen lenken und beeinflussen. Die naturverbundenen Siedler leben mit diesen Wesen in Einklang, denn sie sind Symbole für Wohlstand, Fruchtbarkeit, Gesundheit und Glück. Gerät dieses Gleichgewicht ins Wanken passieren unvorhersehbare Dinge und es droht Zwietracht, Krankheit und Hunger in der Gemeinschaft der Bergler.

Dieses Gleichnis bildet die Grundlage vieler traditioneller und moderner Sagen, Legenden und Märchen. Es ist der Grundstoff für Geschichten und Überlieferungen, und es bildet auch eine wichtige Inspirationsquelle im Werk von Tiko El Outa. Die in Georgien geborene Künstlerin hat in Mannheim Modedesign studiert und kam dort mit Theater und Schauspielkunst in Berührung. Später beschloss sie ihre Ausbildung in Theaterwissenschaft und Film in New York weiterzuführen und zu vertiefen. Viele Bühnenkolleg:Innen in ihrem Umkreis waren auch Künstler:Innen, und sie liess sich in diesem Umfeld inspirieren und fand so zur bildenden Kunst als persönliches Ausdrucksmittel.

Seither forscht Tiko als Künstlerin und findet ihren individuellen Ausdruck an der Schnittstelle von Malerei, Installation und Szenografie. Ihre Werke erscheinen dem Betrachter als Gesamtbild und nehmen Bezug zu den räumlichen Gegebenheiten der Architektur. Dabei treffen Bildtafeln mit gemalten Porträts von Menschen und Tieren auf theatralische Faltenwürfe aus glänzenden Stoff-bahnen, die an ein klassisches Theaterinterieur erinnern. Die Bilder erhalten so eine Bühne, auf der sie ihren Inhalt darbieten können. Der Ausstellungsraum wird zum Theatersaal der Standbilder. Auf den klassisch auf Holztafeln und Leinwände gemalten Bildern sind die Archetypen der Mythologie zu erkennen: Landschaften, Tiere, Menschen und Fabelwesen. Dazu gesellen sich Bildobjekte aus Schafwolle und der Übergang vom flachen Bild zur Bildinstallation wirkt fliessend. Die Werke treten in ihrer Anordnung im Raum in einen Dialog und bilden eine Erzählung. Zusammen bilden sie Geschichten aus einer Welt, in der alles seine Ordnung und seinen Ablauf hat, wie in der Gemeinschaft der Bergler. Die Narrative gehen aber noch weiter, denn auf einigen Bilder sind bei näherer Betrachtung Symbole der Exzesse, der Zwietracht und der Gefahr zu erkennen - was wäre eine gute Geschichte ohne das notwendige Übel, das Dramatische in der Welt? Den Leerraum zwischen den Bildern kann die Betrachter:In mit seinen eigenen Inter-pretationen füllen und sich den Verlauf zu einer eigenen Legende selbst ausdenken und ausmalen.

Tiko El Outa war vor ihrer Residency im gepard14, ebenfalls als Artist in Residence, in der abgelegenen Bergregion von Tuscheti in Georgien. Ihre Ausstellung „Between the Peaks“ schlägt eine Brücke zwischen zwei traditionellen Bergwelten und verbindet die frischen Eindrücke aus ihrer gebürtigen Heimat Georgien mit den Impressionen ihrer Wahlheimat der Schweiz. Ihre eindrückliches Werk ist eine persönliche Interpretation der Bergkulturen und wird für die Betrachter:In zur offenen Erzählung.   


Text: Marco Giacomoni

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Eliane Hürlimann / Tobias Blatter

The fog moves slowly

 

Eliane Hürlimann und Tobias Blatter arbeiten mit unterschiedlichen Medien wie Zeichnung, Text, Video, Sound, Installation und essbaren Materialien. Sie beschäftigen sich mit rituellen Anordnungen und mystischen Erzählungen und verweben Lebensräume mit Kunsträumen. Während ihrer zweimonatigen forschenden Arbeit im gepard14 zum Thema der nährenden und kulturellen Geschichte von Getreidepflanzen haben sie eine Auslegeordnung entwickelt, die zur Teilnahme und Nahrungsaufnahme einlädt. Das Brot wird zu einem lebendigen Gedächtnis, das vergangene wie zukünftige Visionen bewahrt und weiterträgt.

Die Ausstellung thematisiert vorübergehende Zustände zwischen Unschärfe und Klarheit. Multimediale Installationen wecken ursprüngliche Erinnerungen an Feuer und Erde, wobei an den zwei Öffnungstagen jeweils unterschiedliche Installationen erfahrbar sind. Eliane Hürlimann und Tobias Blatter zeigen, wie sich der dichte Nebel durch Entschleunigung und sinnliche Erfahrbarkeit auflöst. Ein langsames Enthüllen, ein sanftes Erinnern.


Sonntag, 18.5.2025, 16-20 Uhr

Vernissage und Installation

«The birth of the mother cracker»

17 Uhr: Performance

Textile Gedichte und Klangspuren verweben sich zu feinen Verflechtungen aus Worten, Tönen und Stofflichkeit. Mit einer Sound Performance für Violoncello und Live-Electronics verdichten sich natürlich und künstlich erzeugte Obertöne mit Soundcollagen, die von hellen, klaren Kompositionselementen durchbrochen werden. Die Besuchenden sind eingeladen, in eine stille Verbindung von gemeinsamem Verweilen und gemeinsamen Sein zu treten.

Bildergalerie


Samstag, 31.5.2025, 16-20 Uhr

Finissage und Installation «Motherbread»

Aus stetigen Veränderungen im Ausstellungsraum wächst ein feines Netzwerk, in dem sich Beziehungen gegenseitig nähren und tragen. Hände und Gaumen sind eingeladen, Teil dieser lebendigen Komposition zu werden und an der Setzung mitzuwirken. Nährende Zeichnungen lösen sich auf, verdichten sich neu und schaffen Räume, um mit Brot und Feuer zu interagieren.

Bildergalerie

 

Begleittext PDF

 

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Laura Winistörfer

Jenseits des Sichtfelds

 
 
Donnerstag 1.5.2025 16:00-19:00 Uhr
Herzliche Einladung an alle zum gemeinsamen Wurzelknüpfen
Knüpfen an der bestehenden Installation mit Händen, Material und Gesprächen mit Laura Winistörfer. Komm und geh wann du willst.
 
Freitag    2.5.2025  18:00 Uhr  Vernissage & Aktion
 
Sonntag    4.5.2025  11:00-14:00 Uhr
Ausstellung, Laura Winistörfer ist anwesend
 
 
 
Offensichtliches
nehmen wir wahr
alles jenseits des Sichtfelds
webt verborgen an unserer Realität
 
Mit geschlossenen Augen fühle ich 
das Wirken verborgener Wunschweberinnen
und ihre Früchte
Bilder tauchen auf
- Liebe(s) Feld, Du bist tiefer als wir ahnen.
 
 
 
 
 

Jenseits des Sichtfelds

Offensichtliches

nehme ich wahr

alles jenseits des Sichtfelds

webt verborgen an meiner Realität

nimmt Form an, in mir

taucht auf

aus dem Nebel, aus dem Untergrund

Eine Ahnung, ein Gefühl

hinhören

mir Zeit lassen, fassen

was? will-kommen

nimm Form an, durch mich

von jenseits ins Sichtfeld

Es wirkt

verknüpft sich mit Wünschen, Erfahrung, Ideen, Bildern im Kopf

mit Material

mitgebrachtem und hier gesucht, gefundenem

knüpft Kontakt mit meiner Art und anderen

im Quartierladen, im Wald, im Garten

Es breitet sich aus

hier im Raum, im Gang, der Küche

plötzlich freaky Chaos

mitten in der Nacht

unkontrollierter Kraftakt

Jenseits lebt!

Ich habe es geboren

Morgens: mit müden Augen Freude beherbergen

beim Tee im Garten

Ich fühle Vergangenes und Kommendes

Entferntes als Teil von hier, von mir

Rauschen:

die Stadt, der Wind im Baum

Erdrotation

Energie durch Adern und Nervenzellen

durch Wurzelgeflecht, Myzel, Glasfaserkabel

hin und zurück

vom Herz zur Haut, vom Boden zur Oberfläche

Machtverschiebung

Ist unten wirklich unten?

Sind wir oben?

Ordnung

ein grosser Plan um den vom Gepard gedüngten Grund im Liebefeld

fürs versprochene Programm

Rhythmisierung

Klärung des Formgewordenen

ich hänge Schattenzeichen des Sonnenlichts

mit Nägeln an die Wand

den Abdruck vergangener Früchte und Blüten,

ihre festgehaltene Ausstrahlung

fixiere Fragen auf blaue Bänder

lege Blaues Buch offen, blauen Himmel, blaues Ich

Menschen kommen

das Jenseits des Sichtfelds zu sehen

das mich als Werkzeug genutzt hat

Zusammen knüpfen wir

gute Wünsche

für unser Diesseits

Wir schreiben gute Absichten in die Bäume

gestalten unser Sichtfeld

bereichern unser Liebefeld

formen unser Lebensfeld

Laura Winistörfer 2. Mai 2025

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

zozoTransistor

WATER TEKNO

ist ein polyrhythmisches Wasser Experiment zwischen Konzert, Performance und Installation. Während der Residenz im gepard 14 entwickelt zozoTransistor daraus eine Durational Performance.
Wasser tropft in Eimer.  zozoTransistor ertastet, verzerrt, überlagert, tanzt und singt mit diesen Rhythmen, als ob sie ein Code wären, der durch diese Behandlung den Zugang zu anderen Formen des Wissens eröffnet.
Zeiten: 
Samstag 29.3. 15:00 - 20:00 Durational Performance
Während dieser Zeit ist der Raum offen, du kannst kommen und gehen, wie es dir beliebt.
Sonntag 30.3. 19:00 Konzert zusammen mit  Ramon Bischoff's Arem Experience 

 

Bild: David Aebi

Bildergalerie: Water Tekno

Bildergalerie: The AREM Experience

 

Begleittext als PDF

1
In der Skulptur sind ca. 200 Liter Wasser. Ich trage das Wasser in PET Flaschen vom Wasserhahn und fülle die Plastiksäcke. Mehrere Tage lang, mehrere Stunden am Tag. Dieses Wasser holen, tragen, eingiessen erinnert mich an etwas. Das Gewicht, das Fliessen. Das Endlose.
Stundenlang steige ich auf die Leiter, giesse Wasser, steige wieder hinunter. Hole mehr Wasser.

 

Ich habe mit einer Nadel Löcher in die Plastiksäcke gestochen.
Es tropft von einem Wassersack in den Nächsten und von diesem wieder in den Nächsten. Zuunterst tropft es in Säcke, die flach auf dem Boden stehen. Ich setze mich in dieses Tropfen hinein, ich höre es von allen Seiten. Ein Tropf scheint mir zu laut, es ratscht über die Wand des Plastiksacks. Ich verschiebe den Sack ein bisschen, ich glätte ihn, so dass er flacher am Boden liegt, das darin gesammelte Wasser zu einer Pfütze wird. Nun tropft das Wasser in das Wasser, der Klang ist ruhiger geworden, dumpfer. Ich bin in diesem Getropfe drin, einem Instrument, meine Handlungen machen es zu einem Mischpult. Mein Bedürfnis ist immer noch ruhiger. Ich arrangiere hin zum noch Leiseren. Die Zuhörer_innen bleiben. Dehnen sich aus im Hören. Irgendwann kann ich jede einzelne Person ganz deutlich spüren. Ihre Präsenz wird enorm.

 

Ich stehe zwischen den Strängen aus Wasser gefüllten Plastiksäcken. Mein Körper und die Säcke lehnen aneinander.
Wie choreografiere ich Tanz ausgehend von diesen beiden Wasserkörpern die aneinander lehnen?
Ich denke darüber nach, wie viel an diesen beiden Wesen eigentlich ähnlich ist, rein materiell meine ich.
Und dann shiftet meine Imagination zu einem Gefühl, was ich in Worten vielleicht so ausdrücken würde: das Zuhörende des Wassers als heilbringende Ikonenfigur.

 

Jack hat jedesmal abgebremst und gehupt, bevor wir über eine Brücke gefahren sind. Auf der anderen Seite hat er über die Schulter zurück geschaut. Das hat die Motorradfahrt vom Pferdehof in Akim Asafo zum Guesthouse in Maase jeden Tag zu einer Andacht gemacht, einer Meditation. Einmal erzählt er mir wieso das Alles, während wir fahren. „But you already know“, sagt er immer wieder dazwischen. Und: „but one thing: finally only God“. Er hupt um sich beim Wasser anzukündigen, denn die Kinder des Wassers benutzen die Strasse ebenfalls als Übergang. Wenn man sich nicht ankündigt, könnte man mit ihnen kollidieren, man wäre selber Schuld wenn es einen Unfall gäbe. Aber noch wichtiger als das ist es, dem Wasser zu sagen ich sehe dich, ich grüsse dich. So wie wenn man durch ein Dorf geht und die Leute grüsst, dass ist eine Art die Anderen auf sich aufmerksam zu machen, die Anderen einen kennen zu lassen. Wenn mich das Wasser kennt, wird es auch wissen wenn es mir nicht gut geht und wenn ich Hilfe brauche. Wenn ich die Kinder des Wassers mit Respekt behandle, wird das Wasser auch gut zu mir sein. Das Wasser leitet überallhin. Das heisst, sogar wenn mir jemand aus der Ferne eine spirituelle Attacke anhängen will, kann mich das Wasser verteidigen, es ist ja sogar im Körper meines Gegners.
„But you already know“.

 

Jack erzählt mir das alles im langsamen Fahrtwind, wir sind nicht schnell. Wir müssen ja allerorts die Kinder des Wassers grüssen.
Jack heisst auch Toronto und er heisst auch Rolling. Sein Motorrad ist voller Aufkleber von Jesus und Maria. Seine Hupe klingt wie etwas aus einem Mickey Mouse Film.

 

Auf dem Friedhof am Strassenrand sind junge Männer in Gummistiefeln und heben ein Grab aus. Jack und ich kommen am nächsten Tag genau in dem Moment von Maase Richtung Akim Asafo, wo die Ambulanz am Strassenrand hält, vor dem letzten Wasserübergang vor dem Friedhof. Der Tote wird zur Beerdigung gebracht, das Fahrzeug muss vor dem Wasserübergang anhalten und die Familie des Toten muss ein Trankopfer ins Wasser giessen und ihre Anrufungen machen, damit dem Toten Durchlass gewährt wird.

 

 

Eddie vom Pferdehof kennt die Bestatter in dieser Gegend, er hat sie bei ihrer Arbeit besucht.
Ich frage ihn, wie es technisch möglich ist, dass in Ghana die Toten oft erst Monate, manchmal Jahre nach ihrem Ableben beerdigt werden. Er erzählt mir von aufgeschnittenen, ausgehöhlten Körpern die mit Baumwollfetzen ausgestopft werden. Die Leute sähen bei der Beerdigung oft kräftiger aus als sie im Leben waren. Ich frage mich was mit den Innereien passiert, mit all dem Wasser. In meinem Gefühl verschiebt sich etwas und ich versuche es zu greifen: Das Abbild einer Person, der Fetisch einer Person, die Puppe von einer Person wird Beerdigt. Ich frage mich was am Körper einer Person für uns die Person ausmacht.

 

Eine mit Baumwolle ausgefüllte Menschenhülle erinnert mich an Wasser, das von einem Plastiksack gehalten wird.

 

Megborna wird mir später von einer anderen Haltbarmachungstechnik erzählen, die mit einer Feinabstimmung zwischen Formaldehyd und Gefriertruhe zu tun hat.

 

Mein Körper im physischen Kontakt mit einem Strang von Wassersäcken. Ich lasse mich langsamer werden. Das Gewicht der Wasserkörper auf mich einwirken. Unsere Körper zusammen werden irgendwie zu etwas Glamourösem. Und die Sehnsucht ist, noch langsamer zu werden. Den Tanz im Mikrodasein zu finden. Die durational Performance dauert 5 Stunden. Danach ist mein Körper eine ganze Woche lange jede Nacht in diesem schweren, leichten, glamourösen Mikrotanz mit den Wassersäcken. Die Zeitzone ist eine andere. Ich mache es nicht absichtlich, es ist zu Traum geworden.

 

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Über Kontaktmikrofone verbinde ich das polyrhythmische Tropfen mit meinem TASCAM Model 12, ein Mischpult das gleichzeitig ein Multitrackrecorder ist. Nur langsam und anfangs kaum merklich fange ich an einzelne Rhythmen zu verstärken. Dann schleife ich Delay Effekte aus einem Boss DD 200 Pedal ein. Eine andere Ebene öffnet sich, eine neue Sphäre aus Klangtexturen. Ich kann das nicht sagen wie es hier ist, es fehlt mir Vokabular. Aber etwas verschiebt sich ganz sanft, hin zur Ekstase. Obwohl die morphenden Polyrhythmen des tropfenden Wassers jedes Mal anders zusammenkommen, gibt es gewöhnlich einen Punkt, an dem es beginnt, wie eine Herde galoppierender Pferde zu klingen. Eine Zeit lang hat man das Gefühl, dass unzählige Hufe im Gleichklang über die Prärie donnern und die Erde zum
Vibrieren bringen. Doch irgendwann ändert sich der Rhythmus, einige der Pferde beginnen zu hinken und laufen in unterschiedliche Richtungen davon.

 

Ich komme aus dem „Wasserschloss Europas“.
Anfangs waren für mich Water Sachets so etwas wie ein Sakrileg: quadratische Plastiksäcke gefüllt mit einem halben Liter Wasser.
Ich fand es schlimm, Wasser in einem Plastiksack.
Es ist gereinigtes, zertifiziertes Trinkwasser. Ungeachtet der hygienischen und ökonomischen Gründe, die es für viele Menschen auf der Welt zu einer Notwendigkeit macht aus Plastiksäcken Wasser zu trinken, berührte es ich irgendwie komisch, diese physische Nähe zwischen Plastik und Wasser. Zu sehr war ich Bergbach gewohnt und Trinkwasser aus dem Wasserhahn.

 

Bis ich aus der Not einmal selber aus einem dieser Beuteln trank.
Ohne dass ich darüber nachdenken konnte, katapultierte mich die haptische Berührung mit dem Sachet in eine Erinnerung von gestillt werden an einer Brust.

 

Mit der Zeit ertappte ich mich immer öfters dabei, wie ich verloren in anderen Gedanken an einem halb vollen Water Sachet hing wie ein Baby, dass an der Brust eindöst, aber auch im Schlaf nicht davon loslässt. Oder mir viel plötzlich auf, dass ich schon den Grossteil des Tages mit einem vollen Water Sachet in der Hand meinen Tätigkeiten nachging, ohne es zu trinken. Einfach weil es mir gut tat dieses Ding in der Hand zu halten.

 

Was mich dann so richtig begeistert, ist wie die Wasserverkäufer_innen ihre Sachets in der Nacht auf LED Taschenlampen legten um sie glitzernderweise für die Käufer_innen attraktiv zu machen.
Ich hüte einen bestimmten Moment wie einen Schatz in meiner Erinnerung: es ist Abend und bereits dunkel, wir gehen der Strasse entlang von unserer Unterkunft weg und zweigen auf die Hauptstrasse ab die ins Ortszentrum von Tamale führt. Unser Ziel ist die Obstverkäuferin am Strassenrand mit den Plastikstühlen auf denen wir sitzen dürfen, während sie uns die Papayas und Ananas schneidet. Als wir abbiegen, kommt uns eine Frau entgegen. Sie trägt auf dem Kopf ein einzelnes Water Sachet. Von hinter ihr kommt ein Auto, die Scheinwerfer verfangen sich im Wasser auf dem Kopf der Frau, es fängt an zu leuchten wie eine Krone, wie der Heiligenschein der heiligen Mutter Maria. Licht und Wasser und Plastik. Und eine Frau die in der Dunkelheit am Strassenrand entlang geht. Und dann fährt das Auto vorbei. Der Moment war so kurz und für mich so endlos.

 

So beginnen sich neue Narrative zu entfalten. Ich kann es nicht mehr nur schlimm finden, Wasser in Plastiksäcken.

 

Ich trage grosse Wassersäcke herum, mit einer LED Lampe drin. Ich halte sie vor mein Gesicht, sie werden zu meinem Kopf, zu einer leuchtenden Maske. Es schwappt ein bisschen.
Ich denke: ich muss das vorsichtig machen, damit das Gewicht des Wassers meinen Nacken nicht verletzt. Mein Nacken wird stärker werden, vielleicht wenn ich sehr oft mit diesem Wasserkopf tanze, bekomme ich einen Stierennacken.

 

zozoTransistor, Bern Schweiz, April 2025

 

 

 

 

 

Bildergalerie

 

 

 

 

 

Rebecca Schmid

Musenflug.

Die Meerjungfrau mit den gestohlenen

Hörnern von Hathor und Isis und wie sie

dem Teufel entkam,

um mit Frankensteins Braut Tee zu trinken.

This is a promise with a catch.

Vernissage: Freitag 31.Januar 2025 ab 18 Uhr

Öffnungszeiten:
Samstag, 1. Februar : 12-18 Uhr
Sonntag, 2. Februar : 12-18 Uhr
         

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What happens when a mermaid commits a crime? 

How do Egyptian goddesses feel when they cannot find their crowns of horns?

What did Frankenstein's Bride gossip about while having an afternoon tea?

Rebecca Schmid with her images tells stories that have never been told before, because they have never been imagined by anyone else. 

Experience a journey through myths, legends and popculture, unfolding on canvases and paper.

Inspiring words from Dorota Solarska.

Musenflug
Ich stehe, mit Gelato in der Hand, hinter einem Busch, vor mir eine Kirche und ein Priester im violetten Gewand. Zwei Anzugsmänner tragen einen, mit Blumenbouquets geschmückten, Sarg aus dem Tor. Die Glocken läuten. Die Trauerfamilie schluchzt. Sie bekreuzigt sich zum Abschied, dann geht sie. Und auch der Priester geht zurück, durch das schwere Kirchentor, in seine Kirche, und nur der Sarg bleibt allein hier stehen. Ich gehe hin und schaue hinein. Darin liegt sie, mit stark geschminkten Augenbrauen und hochtoupiertem Haar, sie hat Schnitte am Hals. Frankensteins Braut liegt da vor mir, im mit dunkelviolettem Satin ausgeschmückten Sarg. Immortellen liegen ihr in den gefalteten Händen. Gelato tropft, klebrig beginnt es, mir über die Hand zu laufen. Himbeer-Pistaccio. Die Anzugsmänner kommen zurück, wohl nur noch kurz eine Zigarettenpause gehabt. Ich verschwinde wieder hinter meinem Busch. Die muskulösen Männer heben den Deckel auf den Sarg, und Frankensteins Braut verschwindet im Leichenwagen. Das Auto, der Sarg, die Anzugsmänner fahren weg, und die Glocken verstummen. Ich stehe nun allein da, in der Ferne raschelt ein Busch. Die Kirche steht auf einem Hügel, und der ist gesäumt von Grün, unten blaufunkelnd das Meer. Der Himmel beginnt sich schon rosa zu verfärben, und es hat Vögel. Ja, Vögel winden sich in den Lüften, und ich glaube, sie singen, fast so wie Ave-Maria. Das Himbeer-Pistaccio fällt auf den Boden, und ich beginne zu rennen. Ich laufe, so schnell ich kann, den Hügel hinunter. Die Muse Radikal nimmt wieder Besitz von mir. Radikales Rennen, radikales Pfeifen, und meine langen blonden Haare flattern im Wind. Radikal gefiel mir eigentlich nie, bis sie mit mir malte, und jetzt kann ich nicht mehr, kann nicht mehr ohne sie. Ich male sie, und sie nimmt Form an, tanzt und wird ein Schatten. Radikal verschwindet immer dann, wenn das Licht auf sie fällt, und wird zu Staub, wenn der Morgen dämmert. Radikal soll meine Muse sein, doch sie entwindet sich mir und lacht, kringelt sich ein und taucht ab. Radikal lässt sich nicht besitzen. Und doch träume ich doch nur von ihr.

Ich träume und liege nun schwer atmend auf dem feuchten Sand. Liege am Strand, und der Himmel nun bereits orangen, und das Meer schmatzt sanft auf meinen Sand, und ich liege einfach nur da. Um mich zu beruhigen. Um mich herum alles ruhig, nur Schmatzen und vielleicht noch eine Möwe irgendwo. Dann plötzlich, neben dem Schmatzen, ein Platschen. Und ich steh auf, denn ich muss wissen, muss nun plötzlich unbedingt wissen, was das war. Gehe wie in Trance, und meine Füsse hinterlassen Spuren auf dem kalten, feuchten Sand, und ich erreiche das Wasser. Lasse meine Füsse überschmatzen, lasse sie vom Salzwasser umspülen. Das Wasser bricht meine Sicht. Der Himmel nun dunkelrot, und das Wasser ein dunkles Blau, doch da fliesst ein goldener Schimmer. Stromlinienförmig schwimmt er auf mich zu. Zu meinen Füssen hält der Schimmer dann an, und immer noch in Trance knie ich nieder, und durchs Wasser hindurch erblicke ich sie. Da unten, zu meinen Füssen, schwimmt sie, schwimmt meine Muse Radikal.
Die Sonne funkelt ihr zwischen den Hörnern. Sie ist das Licht, und ihre Brüste die Welt, und ich sehe ihr in die Augen, denn die sind gross und ohne Schimmer, und die Muse schaut einfach so zurück. Angesicht zu Angesicht. Oh, Schutzgöttin, verlasse mich nicht. Und ich glaube, ich wurde verführt, radikales Verlangen, und ich steck meinen Kopf in ihr Angesicht, ins Kalte und Nasse, und ich sehe nur verschwommen, doch da erkenne ich die goldene Schwanzflosse. Sie kreist um mich herum. Und da sind Farben, ganz viele, sie glitzern und funkeln, und ein Fisch trägt pinke Schuppen und einen roten Mund. Und ich will ihn fangen, will die Farben haben, greife nach ihm und klatsche dann einfach so hin. Platsche wie ein dicker Fisch ins Wasser, und das Wasser erbebt. Dann Erstarren. Die goldene Schwanzflosse klatscht aufs Wasser, und in den Organismus kommt wieder Leben hinein, er flieht. All meine Farben verschwinden in Sekundenschnelle. Minutenlang treibe ich bewegungslos im Wasser umher. Erst dann richte ich mich langsam wieder auf. Erhebe mich und beginne zu tropfen, tropfe über mich hinab. Der Himmel nun schwarz, und ich ganz allein. Ich starre in die Dunkelheit. Doch da, weit in der Ferne, wackelt ein kleines Licht. Nur schwach, aber ich sehe es deutlich, es leuchtet hier zu mir her. Es wackelt, denn es bewegt sich im Takt von Schritten. Schritte, die kommen näher, kommen auf mich zu, und ich erkenne, sie gehören einer Gestalt. Diese ist gross und mit Buckel, und sie trägt Schrauben in ihrem Hals. Die Gestalt trägt die Laterne und steht dann vor mir still. Wir schauen uns einfach nur an, minutenlang Angesicht zu Angesicht. Dann frag ich zitternd und immer noch tropfend: Möchtest du meine Schutzgöttin sein? Und Frankensteins Augen werden gross, mit Schimmer, dann voller Wasser, und eine Träne rinnt ihm übers Gesicht. Und ich spüre Liebe, und spüre die Träne, sie rinnt auch mir, rinnt mir übers Gesicht. Die Braut ist tot, und die Muse verschwunden, wir zwei alleine, doch wir halten uns fest. Er tropft auf meins, und ich auf das seine und es fühlt sich an, ja fast bisschen so wie Happy End, fast bisschen so wie aus den grossen Geschichten, fast bisschen so Kitsch wie aus dem Hollywoodland.

Text: Clara Graber

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My daughter’s mother tongue

Eine audiovisuelle Installation von

Aurora Pajón Fernández

Die Reise von fünf mehrsprachigen Töchtern begleitet von den Klängen einer Kontrabassflöte.

Eine Hommage an alle Sprachübermittlerinnen.

Vernissage :
Freitag, 31. Januar ab 18 Uhr
Die Installation läuft ab 12Uhr

Öffnungszeiten:
Freitag, 31. Januar : ab 12 Uhr
Samstag, 1. Februar : 12-18 Uhr
Sonntag, 2. Februar : 12-18 Uhr

My daughter’s mother tongue begann als Selbstreflexion über meine eigene Identität durch die Entwicklung meiner Muttersprache und wurde zu einer Hommage an alle Sprachübermittlerinnen. In der Installation sind Erfahrungen von fünf mehrsprachigen Frauen zu hören. Dazu erklingen Aufnahmen der Kontrabassflöte und erscheinen bewegte Bilder aus meinen Reiseerlebnissen.

Aurora Pajón Fernández

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